Wahrzeichen mit Schmuddelkulisse : Rettet das Brandenburger Tor!

Ständig zugerümpelt mit Buden, Gittern, Schrott: Wo der Ausnahmezustand zur kommerzialisierten Regel wird, leidet das Besondere. Ein Schutzkreis um Berlins Wahrzeichen wäre ein Gewinn für alle – und öffnet das Tor. Auch zur Silvesternacht.

von
Zugebaut: Die Westseite des Brandenburger Tors am Jahresende 2011.
Zugebaut: Die Westseite des Brandenburger Tors am Jahresende 2011.Foto: dapd

Wenn jetzt beim Jahreswechsel zu den knallenden Korken und krachenden Böllern wieder das Brandenburger Tor und der Himmel über Berlin von Deutschlands strahlendstem Silvesterfeuerwerk erleuchtet werden, ist das einmal mehr ein Grund zur Freude, was sonst. Hoffnungen, Träume, Schäume gehören zu dieser Nacht, und Symbole der friedlich-fröhlichen Zeitenwende passen gerade zum Platz am Tor wie zu keinem anderen Ort unserer jüngsten Geschichte.

Das Besondere also prägt auch das rauschhaft Allgemeine oder, schlichter gesagt: solch feierseligen Ausnahmezustand. Und wer’s so dicht gedrängt, so laut oder lausekalt nicht mag, der feiert woanders oder wärmt sich am häuslichen Fernseher. Irgendwie sind dann doch fast alle Schlag zwölf mit von der Partie, mit von der Party, und das soll so sein. Ist schließlich Silvester.

Das ganz Besondere am Brandenburger Tor und rund um die Mitte der Berliner Mitte ist jedoch, dass hier sehr oft der Ausnahmezustand herrscht – und längst zur kommerzialisierten Regel wird. Womit der Reiz des Besonderen ganz schnell den Reibach runtergeht.

Blenden wir nur kurz zurück zur diesjährigen deutschen Einheitsfeier am 3. Oktober. Es ist zugleich das 50. Jahr seit dem Bau der Berliner Mauer, ein doppelter Fall des Gedenkens. Und der Freude, dass „das Tor“ nun auf ist. Aber, denkste! In den Tagen rund um den Feiertag verdeckte auf der Westseite, dem Platz des 18. März, eine Konzertbühne das Tor komplett. Und auf dem Pariser Platz, der östlichen Schauseite, rammelten Zeltabsperrungen und meterhohe Getränkewerbung das Wahrzeichen Berlins und Deutschlands derart zu, dass gerade noch die Quadriga, wie abgestellt auf einem Schrotthaufen, hinüberlugte.

Ein junges Paar aus Fernost, das gerade aus dem U-Bahnhof auf den Pariser Platz getreten war, hielt mir da seinen Reiseführer mit einer doppelseitigen wunderbaren Farbaufnahme des klassizistischen Denkmals und seiner in neuer Eleganz erstandenen Umgebung hin. Mit entgeistert verschrecktem, dem eigenen Augenschein nicht trauenwollendem Blick auf die ihm dargebotene Wirklichkeit: „This is Blandenbulgel Tol??“

Nein, toll ist das nicht. Und so geht es hier nicht nur zehntausenden Feiergästen aus aller Welt. So geht es Berlin-Touristen und Einheimischen, die sich oder ihren Freunden auf Besuch auch die berühmteste Adresse der Stadt zeigen wollen, viele Male im Jahr. Nicht einmal das Erinnerungsfoto mit jenem Tor-Motiv, für das Berlin seine so heftig umworbenen Gäste aus allen Kontinenten anzulocken sucht, ist dann möglich. Weil immer wieder Ausstellungs- und Wurstbuden, Container, Schrott, Ramsch und Absperrungen den Blick auf das nationale Wahrzeichen mit seinen würdevoll und einzigartig schlichten, im Vergleich zu andernorts üblichen Triumphbögen völlig unmartialischen Proportionen verstellen. Und dazu am Pariser Platz und auf dem Weg zum Reichstag eines der ganz wenigen harmonisch gefügten alt-neuen Bauensembles der Hauptstadt vermüllen.

47 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben