Meinung : War die Verkehrskatastrophe auf der A 19 nicht zu verhindern?

Foto: privat
Foto: privat

„Ackerstaub nahm den Fahrern die Sicht“

vom 9. April

Es mag sein, dass es aus meteorologischer Sicht kein Mittel gegen solche Sandstürme, wie sie auf der A 19 geschahen, gibt. Spätestens seit der amerikanischen Dustbowl-Katastrophe weiß man aber, dass es durch landesplanerische Methoden und charakteristische Flurgestaltung wohl Methoden gibt, massenhaften Bodenabtrag durch Wind zu verhindern. Eins der wichtigsten Mittel ist die Anlage von Hecken, die den Wind „bremsen“ und den Bodenabtrag dahinter vermindern oder ganz verhindern. Leider ist man in Deutschland unter dem Zwang zu möglichst rationellem Einsatz großer Maschinen in den letzten Jahren zu immer größeren ausgedehnten Flurstücken übergegangen, die ohne jeden Schutz dem Angriff des Windes ausgesetzt sind. Dies ist in den östlichen Bundesländern auch ein Erbe der industriemäßigen Agrarproduktion der DDR. Im Fall der Verkehrskatastrophe auf der A 19 hätten Hecken – auch entlang der Autobahn – wohl einen derart massiven „Sandsturm“ verhindern können. In Schleswig-Holstein ist man – nach jahrelanger Beseitigung der landestypischen Hecken – inzwischen klüger geworden und pflanzt wieder Hecken.

Heinz-Peter Schwarz, Berlin-Spandau

Sehr geehrter Herr Schwarz,

Ja, man hätte diesen schrecklichen Unfall auf der A 19 verhindern können. Die Erosion von Boden durch starken Wind ist kein Naturereignis, das unvorhersehbar über uns kommt und dem wir schutzlos ausgeliefert sind. Winderosion tritt überall dort auf, wo der Mensch die schützende Vegetationsdecke von Böden entfernt, sei es im Kies- und Braunkohletagebau, auf Großbaustellen oder auf Äckern. Der Unglücksacker von Kavelstorf in Mecklenburg-Vorpommern war nach Aussagen der Offiziellen als nicht besonders erosionsgefährdet eingestuft. Dem widersprach die Bodenkundlerin Frau Prof. Monika Frielinghaus, ehemalige Leiterin des Institutes für Bodenlandschaftsforschung im Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) Müncheberg (Brandenburg). Sie ordnete die Böden bei Kavelstorf in einem NDR-Interview den sogenannten Talsanden zu – einem erosionsanfälligen Bodentyp. Zudem fehlen auf Riesenäckern schützende Hecken und Baumgruppen. Frielinghaus hatte mit ihren Mitarbeitern vor rund 15 Jahren die fachlichen Grundlagen für den Erosionsschutz in Mecklenburg-Vorpommern gelegt und 25 Prozent der Böden in Mecklenburg-Vorpommern als durch Winderosion gefährdet eingestuft.

In der Landwirtschaft sind seither zahlreiche Bewirtschaftungssysteme entwickelt worden, die Bodenerosion verhindern helfen. Da wären zum Beispiel Direktsaatverfahren zu nennen. Dabei wird noch vor dem Winter auf dem Acker eine Zwischenfrucht eingebracht. Diese Pflanzen bedecken über den Winter den Boden. In ihre Reste wird dann im Frühjahr ohne Umbruch des Bodens die Hauptfrucht eingesät. Diese Methode hat neben dem Schutz vor Erosion weitere Vorteile: Sie führt zu Nährstoffanreicherung, erhöht den Humusgehalt, aktiviert das Bodenleben, bewirkt bessere Wasseraufnahme des Bodens.

Doch warum wenden die Agrarbetriebe derartige Methoden nur selten an? Die Antwort liegt in der Förderpolitik der EU begründet. Der größte Teil der Fördergelder für Agrarbetriebe ist nicht an bestimmte Umweltziele gebunden, sondern wird nach dem Gießkannenprinzip pauschal je Hektar ausgezahlt. Hier profitieren wenige Betriebe mit großen Flächen und wenigen Arbeitskräften. Der Landwirt erhält also – egal, was er anbaut – Förderung und erlöst zudem Gewinn aus dem Verkauf seiner Feldfrüchte. Dabei wird er Kulturen anbauen, die hohe Preise erzielen, wie derzeit zum Beispiel Energiemais. Den Mais im bodenschonenden Direktsaatverfahren anzubauen, kann jedoch zunächst einmal Ertragseinbußen nach sich ziehen und verlangt den einen oder anderen besonderen Arbeitsgang. Beides will der Landwirt vermeiden und entscheidet sich deshalb für die herkömmliche Anbauweise, die nicht vor Bodenerosion schützt.

Allerdings werden die EU-Zahlungen an die Landwirte zunehmend an Umweltauflagen gekoppelt. So bekommen die Landwirte ihre Prämienzahlungen seit 2005 nur, wenn sie bestimmten Verpflichtungen nachkommen. Dazu gehört, dass sie keine Hecken beseitigen dürfen und die Bodenfruchtbarkeit ihrer Flächen erhalten müssen. Doch noch sind die Anforderungen zu gering, das Kontrollsystem zu lasch und die Konsequenzen bei Regelverstößen zu wenig abschreckend. Etliche Betriebe scheren sich deshalb kaum um derartige Auflagen.

Deshalb muss das EU-Fördersystem anders werden. Derjenige Betrieb, der die meisten Hecken nachweisen kann, der das Grundwasser durch minimalen Düngereinsatz schützt, der Feldraine anlegt und die Bodenfruchtbarkeit erhält, muss am Ende am meisten profitieren dürfen. Schon jetzt erbringt diese Umweltleistungen der Ökolandbau. Deshalb: Mit unserer Kaufentscheidung steuern wir Verbraucher die Qualität unserer Landschaften.

— Arndt Müller ist Biologe und Naturschutzexperte des BUND in Mecklenburg-Vorpommern.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben