Meinung : Warlords in Kinderschuhen

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Der Verlauf der Loya Dschirga liest sich wie ein Lehrbuch über den Aufbau von Demokratie – in einem Klima von Gewalt und Misstrauen. Für Donnerstag Abend wurde endlich mit der Wahl Hamid Karsais zum Präsidenten Afghanistans gerechnet – Tage später als man das im fernen Westen erwartet hatte. Ginge alles streng nach Buchstaben und Sinn der Vereinbarungen auf dem Bonner Petersberg, dann dürfte der große Rat auch jetzt noch nicht tagen. Am Montag sandten Kriegsherren ihre Soldaten zum Versammlungsort und verhinderten die Eröffnung. Hinter den Kulissen wurde dem Ex-König Sahir Schah das Versprechen abgetrotzt, dass er nicht gegen Karsai als Staatsoberhaupt kandidiere. Am Dienstag tagte die Loya Dschirga, aber einige Delegierte kamen mit Waffen – den im Zweifel stärkeren Argumenten. Die nahm ihnen die internationale Friedenstruppe ISAF ab. Auch am Mittwoch saßen weit mehr Teilnehmer im Rat, als dazu berechtigt sind, und lauschten den ungezählten Paschtunen, Tadschiken, Kirgisen, Hasara und vielen mehr, die alle im Präsidium der Versammlung vertreten sein wollen. Demokratie ist keine Siegesgöttin, die im Strahlenkranz Einzug hält. Sie kommt in Kinderschuhen zu Ländern wie Afghanistan. Man darf ihr anfangs nicht zu viel abverlangen, muss sie von außen stützen gegen innere Gegner – und viel Geduld haben. Selbst wenn alles viermal so lang dauert wie erwartet, aber am Ende doch gelingt, dann ist das fast mehr, als man realistischerweise hoffen durfte. cvm

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