Meinung : Warten auf den nächsten Zeus

Unsere Europa ist am schönsten, wenn sie geraubt wird – und sich neu erfinden kann

Péter Zilahy

Ich war noch ein Kind, als ich Europa zum ersten Mal erblickte. Meine Mutter drückte mir statt ungarischer Volksmärchen die griechischen Mythen in die Hand, damit etwas klassische Bildung an mir hängenbliebe. Ich war hingerissen vom unverblümten Hedonismus der antiken Kultur mit all den olympischen Sauf- und Fressgelagen, Verführungen, Intrigen, Morden, harfespielenden Jungfrauen und neidischen Göttern. Eine der Geschichten handelte von einer Königstochter, ihr Name schien mir von mehreren Weltkriegen her bekannt.

Europa wurde, durch die Blume gesagt, vom Blitz getroffen. Zeus verführte sie in Gestalt eines weißen Stieres und nahm sie sich danach als Adler. Verlangte man auf der Wache eine Beschreibung des Täters, käme ein Totempfahl auf das Phantombild. Die phönizische Königstochter verlor ihre Unschuld auf Kreta, bis heute zeigt man den Touristen gern den Baum, unter dem der historische Akt stattgefunden hat – zwischen drei Kontinenten, was allein schon deswegen ein Witz ist, weil die Kontinente von den Europäern erfunden wurden.

Europa ist eine Halbinsel am westlichen Zipfel Asiens, ein Subkontinent wie Indien, jedoch von weniger Menschen bewohnt, nicht so alt und nicht so farbenfroh. Trotzdem nennen wir es einen Kontinent, aus den bereits erwähnten Gründen. Die Europäer behaupten nicht, hier hätte alles angefangen, doch etwas raunt ihnen unentwegt zu, es werde hier enden. Als ob die fernab gesprochenen Worte hier ihren Sinn erhielten.

Langer Rede kurzer Sinn: Mama wurde entführt. Zum Glück war’s Papa. Unsere Mutter kam auf dem Rücken eines Stiers an, und ihr Liebster war ein Raubvogel, was gelinde gesagt auf eine gestörte Familienkonstellation schließen lässt. Die erste europäische Lovestory. Wie sehr europäisch, dazu nur so viel, dass die Ungarn – die gerade in der unendlichen Weite eines namenlosen Kontinents umherritten und keinen Schimmer davon hatten, dass sie früher oder später bei Europa landen würden – ebenfalls einen Raubvogel als Gelegenheitspartner unserer Mutter verehren und die Eroberung ihrer neuen Heimat in ähnlicher Weise von einem Mädchenraub geziert wird.

Es stellt sich also nicht die Frage, was zuerst war, die Henne oder das Ei? Europa oder der Europäer? Mama wird seither regelmäßig entführt, und nur manchmal muss man sie in Den Haag abholen. Europa ist verwöhnt. Sie hat vergessen, woher sie kommt. Sie glaubt von sich, sie sei ein Kontinent, sie sei die große Sie. Dann wird sie vom Zweifel gepackt und bricht zusammen, läuft hinunter zum Meeresufer und rennt kopflos auf und ab. Als warte sie nur darauf, geraubt zu werden.

Europa wurde zuerst von den Europäern geraubt, was ein gewisser Widerspruch zu sein scheint, doch das hat seinerzeit niemanden gestört. Es fiel ihnen gar nicht auf, dass sie Europäer waren, bis jemand sie angriff. Feinde nannten sie Barbaren. Europa wurde regelmäßig durch die an ihre Mauern hämmernden Barbaren neu geboren: Goten, Wandalen, Wikinger, Bulgaren, Ungarn, Litauer, sie alle wurden aus gefürchteten Barbaren zu Europäern. Europa hat immer ihre Bezwinger bezwungen. Dann schlenderte sie zum Meeresufer, um Ausschau zu halten.

Europa ist dann am schönsten, wenn sie geraubt wird. Wenn jemand bereit ist, sie zu entführen und zu lieben. Es wäre übertrieben zu sagen, wir kennten sie, denn ihre charakteristische Eigenschaft ist die Veränderung. In den Armen jedes neuen Geliebten wird sie neu geboren und ist immer noch attraktiv, obgleich sie nicht mehr in der Blüte ihres ersten Jahrtausends steht. Europa wird dann zu Ende sein, wenn sie niemand mehr begehrt. Wenn die Barbaren nicht mehr kommen. Dann sitzt sie einsam am Meeresufer, über ihre Falten streicht der Wind …

Wer heute die Barbaren sind und wer Europa spielt, kann noch nicht entschieden werden. Osteuropa jedenfalls ist kein Brautwerber. Es ist eher das schwarze Schaf der Familie, das durch die Hintertür zum Betteln kommt. Wäre sie verboten, dann wäre die Union viel beliebter. Seitdem sie auch uns gehört, ist sie nicht mehr so attraktiv. Die Kohle könnten wir gut gebrauchen, doch sind uns die Ideale ausgegangen. Die Osteuropäer glauben nicht daran, dass sie ihr Schicksal lenken könnten, auch nicht, dass der Westen auch nur einen Deut davon verstehe. Sie möchten es sich nur endlich am Beach gemütlich machen und Ausschau halten. Vielleicht kommen ja die Barbaren!

Fragt man mich, woher ich komme, antworte ich, von Buda. Im großen Ganzen bin ich überall zu Hause auf diesem Planeten, auch wenn ich bestimmte Erdteile bevorzuge. Wenn nötig könnte ich im Namen der Menschheit auftreten, obgleich ich keine Frau bin, auch kein Farbiger, meine Eltern haben sich nicht scheiden lassen, und als Kind hat mich der Nachbar nicht belästigt. Wo immer ich außerhalb Europas hinkomme, sagt man mir, ich sei Europäer. Wo immer ich in Europa hinkomme, sagt man, ich sei Ungar. Nur in Europa ist es schwer, Europäer zu sein, und in Ungarn Ungar. Ich merke, daß ich Europa verlassen habe, wenn ich plötzlich zum Europäer werde. Wie europäisch!, sagt man mir. Mein Benehmen, mein Blick, meine Sprache, mein Stil, meine Bewegungen. Sie sprechen für sich. Wer europäischer ist als ich, der schwindelt. Meine Identitäten ergänzen sich harmonisch. Ich könnte nicht nur Ungar sein oder nur Europäer. Wenn ich wählen muss, werde ich gegen jene sein, die mich zum Wählen zwingen. Gegen jene, die sich das Erbe unter den Nagel reißen wollen und zwischen zwei Ansprachen Omas Silber abräumen, auch wenn es Ungarn sein sollten, Europäer oder Außerirdische. Ich werde gegen jene sein, die Europa nicht lieben, die sich nur hechelnd über sie hermachen.

Ich bin kein Amerikaner, obgleich New York meine Lieblingsstadt ist und ich bereits in jedem Viertel von Manhattan gewohnt habe. Ich bin kein Indoeuropäer, obwohl ich Indien bereist habe und von seinem unermesslichen Reichtum und seiner unermesslichen Armut beeindruckt war. Ich bin kein Buddhist, obwohl mir der Buddhismus moralisch und ästhetisch nähersteht als die christliche Kirche. Ich bin kein Eurasier, obwohl zwei transkontinentale Großmächte die Geschichte meines Landes wesentlich beeinflusst haben. Die eine hat am Ende des Mittelalters das Land zu Boden gezwungen, die andere hat am Ende der Neuzeit die Jugend meiner Eltern eingeschachtelt. Ungarn ist in diesem Sinne eher europäisch als, sagen wir, Belgien, weil es dem Kreuzfeuer näherstand.

Aber Ungar zu sein ist auch nicht Hollywood. Wir sind ganz schön heruntergekommen. Die Krankenhäuser stürzen langsam ein, der Unterricht ist veraltet, Tausende alter Menschen hungern, im öffentlichen Leben dröhnt die Demagogie. Wir können kein Englisch – nicht einmal Bitte! – und Bewerbungen ausfüllen schon gar nicht. Unser Selbstbild ist wirklichkeitsfremd, und wir sind immer noch am wirkungsvollsten in der Selbstzerstörung. Nur unser Humor ist der alte. Schwarz wie die Nacht. Wie anders als hoffnungsvoll könnte ich in dieser Situation sein?

Mein Europa liegt im Wesentlichen zwischen New York, Buenos Aires und Moskau. Seine Ränder werden nicht von Meeren umspült, es wird nicht von Flüssen gewaschen, nicht von Bergspitzen gekrönt. Es ist nicht an die Landkarte zu pinnen, man kann es sich nicht aneignen. Europa war nie eins und wird auch nie ein Land sein. Es wird immer Teile geben, die unter der Decke hervorlugen, Teile, die sich wandeln, wie Konstantinopel oder Córdoba. Es wird auch Teile geben, die aus sich selbst hervorlugen. Die Entführung Europas war nicht immer heiter, bereits bei der ersten Gelegenheit tauchten Missgeburten auf, darunter ein stierköpfiger Enkel, der zum Abendessen Jungfrauen verzehrt. Die Europäer bezeichnen all jene Europäer, die sie verachten, als asiatisch oder balkanisch, insbesondere die Balkanländer lieben es, einander als balkanisch zu beschimpfen. Europa erscheint nur im Licht des die Welt überwuchernden Chaos so europäisch. Das die Welt überwuchernde Chaos wiederum ist in nicht geringem Maß das Werk der Europäer. Im Vergleich mit den schlechten Momenten der europäischen Kooperation scheint das dunkle Mittelalter eine tierisch gute Idee gewesen zu sein.

Welches Europa ist europäischer? Das Europa der Hagia Sophia, der Sixtinischen Kapelle, des Kölner Doms? Oder das Europa der Kreuzzüge, der Inquisition, des Holocaust? Müsste man nicht viel eher die Welt vor Europa retten als Europa vor der Welt schützen?

Ein Europäer, der im 20. Jahrhundert dabei zugesehen hat, als man seine Nachbarn verschleppte, die großteils nicht wiederkamen, hat sich gefragt, ob er wohl feige war oder klug. Vielleicht dachte er großherzig, wenn alle Überlebenden schuldig sind, dann wird die Schuld zum Gemeingut, zur Kultur, und die Unschuld gehört ins Jenseits. Vielleicht dachte er, es sei besser zu leben. Besser, denn als Europäer zu sterben. Dann ist Europa ein wenig gestorben. Die Gespenster streichen hier noch herum. Von Zeit zu Zeit stecken sie den Kopf zur Tür herein.

Praktischer wäre es, uns vor uns selbst zu fürchten als vor der von außen hereindrängenden Horde. Nicht unsere Grenzen sollten die Grundlage unserer Identität sein. Unser Europäertum darf nicht Gegenstand von Angst sein. Wir können Europa nicht verlieren, nur wenn wir es bereits verloren haben.

Europa bedeutet angeblich „breitgesichtig“. Fragt sich, wie breit das Lächeln der Braut ist, angesichts der neuen Werber. Als Teenager sah ich erstaunt, dass es in Irland keine Autobahnen gab, viele Menschen arm waren, noch religiöser und die Bauern nicht besser lebten als im „kommunistischen“ Ungarn. Dabei hat es dort weder Diktatur, noch Revolution, noch Krieg gegeben. Es stellte sich heraus, dass Portugal, Irland oder Süditalien auch nicht „westlicher“ waren. Das politische Koordinatensystem ist zufällig und kann für beide Seiten Überraschungen bieten, wenn wir Marseille mit Zagreb vergleichen, Neapel mit Lemberg oder Prag mit Berlin. Und wenn Europa all das ist, was Europäer tun, dann wäre da noch Schweden, das beide Weltkriege ausgelassen hat. Sind dann die Schweden weniger europäisch?

Werden wir zusammen klüger sein? Weiß das große Europa mehr über sich als ein einzelner Europäer? Mir fällt ein Witz aus meiner Kindheit ein, wonach im Universum die Intelligenz konstant ist, doch die Bevölkerungszahl ständig wächst. Nach der Wende begann ein komischer Wettstreit zwischen den osteuropäischen Ländern, welches von ihnen denn westlicher sei. Wenn aber in der Union etwas sinnvoll wäre, dann die Annäherung der kleinen Staaten untereinander. Ich würde die Sprachen der Nachbarländer zum Pflichtfach machen, nicht nur Englisch sollten wir lernen müssen.

Europäer sein ist gar nicht schwer, ich zum Beispiel muss nichts dafür tun, ich schreibe nur so vor mich hin, schreibe diesen Text hier, ich könnte gar nicht nicht Europäer sein oder nicht Ungar. Ebenso kann ich nicht nach Europa emigrieren, mich ihm nicht anschließen, und ich kann mich nicht vereinigen. Ich bin komplett. Ich kann nicht mehr Europäer sein und nicht weniger. Europa kann man nicht verpassen, denn Europa ist kein Land, keine Zollunion, keine Währung. Europa bin ich! Europa ist ein Wort, das an jeder Straßenecke vergewaltigt wird. Europa ist eine Scheinehe, in der die Eheleute nicht unter einer Decke schlafen.

Europas Herz ist nicht in der Mitte. Das kann jeder auf der Landkarte nachsehen. Anstelle des Herzens von Europa befindet sich eine Bank. Und in dieser Bank, ich verrate es Ihnen, wird nicht das europäische Kulturerbe gehütet.

Wenn die Frage lautet, ob ich eine Vision habe, dann würde ich sagen, man könnte mit dem zur Verfügung stehenden Material ein blühendes Europa errichten, doch wäre ich nicht erstaunt, wenn das nicht zustande käme. Auch ein wunderbares Scheitern erscheint mir schon vielversprechend. Die Änderung liegt in der Luft, nicht nur in meteorologischem Sinn. Wo Zeus sich gerade herumtreibt, weiß niemand, doch kann man die Königstochter nicht ewig eingesperrt halten. Eines Tages läuft die breitgesichtige, hoffnungsvolle Europa dann wieder kopflos schreiend zum Ufer hinunter, und sie wird wieder geraubt. Und sie wird wieder erfunden. Wie dem auch sei, Europa bleibt bestehen. Nicht so, wie der Westen es möchte, und nicht so, wie der Osten es möchte. Die Vereinigung wird nicht friedlich sein, noch nicht einmal liebevoll, trotzdem wird sie blühen, auch wenn wir daran krepieren. Gewiss, sie wird nicht ewig halten. Das wäre nicht europäisch.

Aus dem Ungarischen von Magdalena Ochsenfeld.

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