Meinung : Warum die Verkäuferin (Ost) so wenig verdient

Von Roger Boyes, The Times

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Die Boulevardpresse hat ja so ihre eigene Poesie. Mit knapper Eleganz schlagzeilte „Bild“ am Montag: Ich habe 80 Paar Schuhe, aber keinen Mann. Darunter ein Bild von Jennifer (23) aus Oberhausen. Noch interessanter als Jennifer (23) war eine Gehaltsumfrage, die den Rest der Seite dominierte. Dort enthüllte „Bild“, dass ein Arzt (West) im Durchschnitt 3586 Euro brutto im Monat verdient, ein Busfahrer 2081 Euro, ein Sozialarbeiter (Ost) 2161 und ein Zahntechniker 1906. Für „Bild“ liegt das Hauptinteresse der Leser in Zeiten von weltweitem Krieg und Zerstörung bei Geld und Sex.

Interessant an der Umfrage war, wie schmal die Einkommensspanne der meisten Deutschen ist. Von A wie Arzt bis Z wie Zentralheizungsinstallateur (West) – die meisten verdienen zwischen zehn und 20 Euro die Stunde. Deutschland ist in dieser Hinsicht wie ein sozialistisches Land, fast so egalitär wie Schweden.

Doch es gibt Ausnahmen. Mathias Döpfner, der immer mächtiger werdende Springer-Vorstandschef zum Beispiel verdient sehr viel mehr als ein Redakteur, der in der „Bild“-Zentrale Sklavenarbeit verrichtet (Redakteur (West): 3276 Euro). Nach meinen Berechnungen bekommt Döpfner mittlerweile 200 Mal mehr als ein Lüftungsinstallateur (Ost). Davon kann man eine Menge Klimaanlagen kaufen. Und doch: Wer würde eigentlich Döpfners Job wollen? Ich jedenfalls nicht.

Die Frage nach dem Wert der Arbeit ist für die Gesellschaft zentral geworden. So viele Leute – nicht nur die Ärzte – fühlen sich unterbezahlt, vielleicht haben sie Recht. Das alte soziale Belohnungssystem ist zusammengebrochen, geblieben ist eine unausgewogene Marktwirtschaft. Getreu der „Bild“-Umfrage ist der schlechteste Job in Berlin der einer Verkäuferin (Ost), die 6,74 Euro in der Stunde verdient. Es gibt andere Jobs, die schlimm sind. Der Mann zum Beispiel, der in diesem Sommer Dixie-Klos leeren muss.

Die Geschichte ist voll von furchtbaren Jobs, die es, Gott sei Dank, nicht mehr gibt. Kinder-Schornsteinfeger etwa. Oder Erbauer angelsächsischer Dunghäuser. Einige mittelalterlich anmutende Jobs haben überlebt und sind mittlerweile sogar begehrt, weil der Lohn stimmt. Der Rattenfänger etwa hat heute einen wohlklingenden Namen, trägt eine schicke Uniform und macht im Ernst auch nicht viel mehr, als mit seiner Sprühpistole zu hantieren.

Doch warum ist die Verkäuferin (Ost) so wenig wert? Hat sie keinen Marktwert in der Gesellschaft? Sogar die Leute, die den ganzen Tag in Londons Oxford Street damit verbringen, Flugblätter für Schnellrestaurants unter die Leute zu bringen, verdienen mehr als fünf britische Pfund die Stunde – plus einen Bonus für jeden Kunden, den sie angelockt haben. Viele von denen sind vergnügte Seelen, denen es Spaß macht, mit den Leuten ihre Scherze zu treiben. Oder die jungen Mädchen, die Billigschmuck bei Miss Selfridges verkaufen. Acht Pfund bekommen die pro Stunde (ich habe sie gefragt, ich frage immer!), auch sie machen sich oft einen Spaß aus ihrer Arbeit, flechten sich gegenseitig die Haare oder flirten mit den Jungs aus der Jeansabteilung.

In deutschen Läden gibt es diese Freude nicht. Denn fast jede andere Arbeit ist mehr pro Stunde wert als die sechs Euro der Verkäuferin (Ost). Wer ist schuld daran? Die Gewerkschaften? Wir wissen ja (dank dem Mannesmann-Prozess), wie clever Gewerkschafter als Aufsichtsräte reich werden können. Ist es die Regierung, die in ihrer Hartz-IV-Hast den Unterschied zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit aus dem Auge verloren hat? Man muss ja kein Sozialist sein, um festzustellen, dass eine Verkäuferin mit nur sechs Euro ihrer Würde beraubt wird.

Es ist für mich gar nicht so einfach, darüber zu schreiben. Eigentlich bin ich ein Marktliberaler, der Markt bestimmt den Wert der Arbeit. Schlecht bezahlte Löhne sind ein Zeichen dafür, dass ein Job dabei ist zu verschwinden, überholt von Technologie und Fortschritt. Momentan gibt es allerdings keine Anzeichen dafür, dass Roboter in der Lage sein werden, an der Kasse zu stehen oder darauf hinzuweisen, ob die Erdbeeren frisch sind.

Es war auch kein Roboter, den ich letzte Woche in einem Laden am Alex sah, ohne Schuhe da sitzend, wo man die roten Plastik-Einkaufskörbe einsammelt. Die Verkäuferin im mittleren Alter kratzte an ihren geschwollenen Füßen und sah aus, als hätte sie kein Mark mehr in den Knochen. „Das ist die Hitze“, sagte sie. Ich weiß es besser – seitdem ich von einem Teil der „Bild“-Titelseite zum anderen wanderte, von Jennifer (23) mit 80 Schuhen zu der Verkäuferin (Ost) mit Blasen unter den Füßen.

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