Meinung : Warum eigentlich nicht Schlossplatz?

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„Das Schloss am Nelson-Mandela-Platz 1“

vom 11. Dezember

Ich habe gegen Nelson-Mandela-Platz gestimmt, weil ich meine, dass der mit uns aber nun rein gar nichts zu tun hat. Mir ist schon die Yitzhak-Rabin-Straße aus nämlichem Grund ein Dorn im Auge. Es wird sich schon ein Name finden, sobald der Bau fertig ist, aber warum eigentlich nicht Schlossplatz?

Bernd Schmidt, Berlin

Straßenumbenennungen belegen deutlich historische Brüche. Während gleich nach der deutschen Kapitulation im Gesamtberlin alle nach herausragenden Nationalsozialisten benannten Namen von Straßen und Plätzen im Konsens „umgetauft“ worden waren, ging die Ost-Berliner Stadtverwaltung ab 1950 systematisch daran, unliebsame Ortsbezeichnungen zunächst im Zentrum des sowjetischen Sektors zugunsten von kommunistischen Politikern, aber auch „Klassikern“ der marxistischen Arbeiterbewegung sowie von Ereignissen in deren Kontext zu ersetzen. Im Mai 1951 geschah das in einer Großaktion auch mit 69 Straßen, die den Namen preußischer Adliger, Beamter, Politiker, Offiziere sowie von „altpreußischen Waffengattungen“ trugen. Die Namen einiger preußischer Militärreformer wurden verschont. 1952 erreichte die von der Stadtmitte ausgehende Umbenennungswelle u. a. 16 Straßen des Bezirks Prenzlauer Berg. Weitere Aktionen vor allem zulasten von ehemals deutschen Landschaften und Städten östlich von Oder und Neiße sowie von bürgerlichen Politikern und Unternehmern der Stadt vor 1933 folgten. Da für die SED durch das Ableben von DDR-Politikern, an die an prominenten Orten erinnert werden sollte, ein permanenter Namensgeberbedarf entstand, fielen dem auch ideologisch wertfreie traditionelle Straßenbezeichnungen zum Opfer – etwa die in Otto-Nuschke-Straße verwandelte Jägerstraße. Diese Tendenz setzte sich entgegen den Ansichten der nicht befragten Bevölkerung fort, wobei aber auch, wie ebenfalls im Westteil der Stadt, deutsche und internationale Literaten, Künstler und andere Persönlichkeiten Namensgeber wurden. Dabei wirkte der Kalte Krieg in der innerberliner Systemkonkurrenz gehörig mit. So unterstrich der Osten seinen antifaschistischen Alleinvertretungsanspruch: Straßen, Schulen und andere Institutionen erhielten die Namen kommunistischer und (mit Abstand) linkssozialdemokratischer Widerständler; während der Westteil vor allem mit der Ehrung nichtkommunistischen Widerstands nachzog. Wenn man sich mit den neuen Straßennamen beiderseits zum Antifaschismus bekannte, dann sicherlich in der Absicht eines ehrenden und mahnenden Gedenkens, aber auch über Jahre hinweg mit gegenseitigen Schuldzuweisungen und dem „Kleinreden“ von Widerstandsleistungen auf der jeweils anderen Seite. Straßennamen wurden zur Herrschaftslegitimation. Auch das erklärt, warum in West-Berlin nicht nur nach herausragenden demokratischen Persönlichkeiten benannt wurde, sondern auch nach Gegnern der kommunistischen Diktatur. Das Ende des Kalten Krieges stoppte zwar die im Berliner Raum besonders intensive ideologisch bedingte Umbenennung von Straßen, trug aber kaum zu einer wesentlichen Verlangsamung dieses Prozesses bei, der bereits bis 1990 einen erheblichen historischen Substanzverlust für Berlin als gewachsener Stadtgemeinde mit sich gebracht hatte. Natürlich bleiben Straßenbenennungen als Element demokratischen Gestaltens der Hauptstadt an der Tagesordnung, wobei es sinnvoll ist, diesbezügliche „Kandidaturen“ von Persönlichkeiten und Institutionen mit der kritischen Frage zu verbinden, wer von ihnen einer Ehrung nicht (oder nicht mehr) würdig ist. Bedenklich stimmt jedoch die Beobachtung, dass bei der Umbenennung von städtischen Räumen zulasten der als unwürdig erkannten „Alt“-Namensgeber nicht selten sowohl Unkenntnis (wie bei der Diskussion über die „koloniale“ Mohrenstraße) als auch unhistorische Problemsichten und Unausgewogenheit des Urteils über die Leistungen der Betroffenen mitentscheiden. Etwa im Fall des kurbrandenburgischen Offiziers Otto Friedrich von der Groeben – als Kind seiner Zeit einerseits Kolonialpionier des Großen Kurfürsten und angeblich Sklavenhändler, andererseits verdienstvoll beim wirtschaftlichen Aufstieg des maroden Brandenburgs. Berlin stellt einen historisch gewachsenen Organismus mit unverwechselbarer Kultur und Geschichte dar, die es in der Symbiose mit dem Neuen zu bewahren gilt. Ein selbstbewusstes und zugleich kritisches Bekenntnis zu Berlin sollte sich nicht als Entsorgen seiner Geschichte realisieren – insbesondere nicht durch kleinliche, als gerecht oder modern ausgegebene Liquidierung von traditionellen Straßennamen, die eigentlich unter Bestandsschutz gehörten. Berlin bietet jetzt und in der Zukunft genügend Möglichkeiten, internationale und deutsche Persönlichkeiten ohne Einbußen an der Identität der Stadt zu gedenken und Metropole des Humanismus und der Völkerverständigung zu sein. Nelson Mandela – das ist wohl Konsens – verdient jede Ehrung, die man in Berlin ohne Eile und bei größtmöglicher Öffentlichkeit diskutieren sollte. Ich plädiere für den Erhalt des Namens Schlossplatz, der sich auf die wechselvolle Stadtgeschichte bezieht, deren Zeuge er war in guten und in schlechten Zeiten.

— Michael Lemke war apl. Professor an der

Humboldt-Uni Berlin, Forschungsbereichsleiter Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Autor: „Vor der Mauer. Berlin in der Ost-West-

Konkurrenz. 1948 bis 1961“, Böhlau Verlag

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