Meinung : Warum gibt es keine Frühjahrsbepflanzung auf dem Ku’damm?

Foto: Gerit Borth/ddp
Foto: Gerit Borth/ddpFoto: dapd

Sehr geehrte Damen und Herren,

was ist das für eine verkehrte Welt. Im letzten Jahr konnten Senat und Bezirk Millionen Euro für ein äußerst dürftiges Ku’dammfest ausgeben und dieses Jahr hat das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf angeblich kein Geld, um eine Frühjahrsbepflanzung vorzunehmen. Dabei war es stolz auf sein Gartenbauamt. Hat das Gartenbauamt keine Frühlingsblüher ausgesät, die sie jetzt problemlos in die Pflanzschalen aussetzen könnten? Da ja offensichtlich das Personal vorhanden ist, kann diese Aktion doch keine Kosten verursachen? Hat das Bezirksamt inzwischen den Überblick über seine Einrichtungen verloren oder versucht es mit dieser Entscheidung, Druck auf die Finanzverwaltung auszuüben? Dem Tourismusstandort Berlin hat der Bezirk einen erheblichen Schaden zugefügt. Auch die Touristen kommen nicht als Selbstläufer. Das Schmuddelimage Berlins wird vom Bezirk wohl weiter gepflegt. Das Fremdenverkehrsamt sollte sich einschalten und den Bezirk zu einer Revision seiner Entscheidung bewegen. Auch die Geschäftswelt des Ku’damms müsste ein Interesse an einem erfreulichen Anblick des „Boulevards“ haben. Merkwürdig ist nur, dass der Stadtentwicklungssenator erst vor kurzem den Aufschwung der City West gefeiert hat. Wenn schon der Blumenschmuck scheitert, ist wohl von Aufschwung nicht viel zu spüren.

Hans-Wilh. Groscurth, Berlin-Charlottenburg

Bis 2009 gab es am Ku’damm 195 Pflanzkübel, davon existieren inzwischen nur noch 76. Die restlichen 119 „Betonschrauben“ wurden nach und nach abgeräumt, weil sie langsam, aber sicher zerbröselten. Der Bezirk stand daher jetzt vor der Entscheidung: Neue Kübel oder nicht? Neue Kübel würden 600 000 Euro kosten, eine Summe, die aus bezirklichen Mitteln nicht darstellbar ist. Man hätte sie durch Werbung finanzieren können, aber im Bezirk gibt es kaum noch Flächen, die als Kompensation möglich sind. Und eine Mega-LED-Wand direkt am Ku’damm für einen längeren Zeitraum wäre für mich eher einer Kapitulation der öffentlichen Hand gleich gekommen und hätte den Kurfürstendamm entscheidend entstellt. Wir entschieden: Weg mit den Kübeln. Eine Bepflanzung der altersschwachen Kübel in diesem Jahr hätte diese dringend notwendige grundsätzliche Klärung nur wieder um ein Jahr vertagt. Jetzt gilt es den Schwung des Jubiläums des letzten Jahres auszunutzen.

Denn gerade die 125-Jahr-Feier des Ku’damms hat den Boulevard der City West wieder als Marke gekennzeichnet. Der Ku’damm ist wieder in aller Munde und überall wird von der Renaissance der City West gesprochen. Und weder hat das Jubiläum Millionen verschlungen, noch kann man es dürftig nennen. Selbst der Tagesspiegel hat z. B. zum Abschlussspektakel vom 4. September 2011 geschrieben: „Der Ku’damm hebt ab“. Fabelwesen stiegen in den Himmel und begeisterten über 100 000 Besucherinnen und Besucher. Die Oldtimerparade, die Vitrinenausstellungen, der Kellnerlauf, die Langen Nächten des Shoppings, all das hat auch die Akteure am Ku’damm wieder enger zusammengebracht. Man bekennt sich wieder zum Ku’damm und viel vom altbackenen Belag ist abgeplatzt – der Kurfürstendamm darf sich wieder als modern einstufen lassen, gerade auch wegen der vielen Bauprojekte: vom Haus Cumberland bis zum Waldorf Astoria.

Doch zurück zu den Kübeln: Die jährliche Bepflanzung der Pflanzkübel kostet (Personal- und Sachkosten) 50 000 Euro – jedes Jahr. Personal, das am Ku’damm eingesetzt wird, kann ich an anderen Stellen nicht einsetzen. Bei einem Etat für die Unterhaltung der Grünanlagen von 1,2 Millionen Euro für den ganzen Bezirk ist das keine unbedeutende Summe. Davon muss die Pflege aller Parkflächen und aller Spielplätze bezahlt werden.

Unsere in der Gärtnerei gezüchteten Blumen werden daher auch ihren Platz finden, zum Teil auch in den Hochbeeten am Ku’damm – die Pflanzkübel bleiben aber in der Tat leer und da, wo es aus verkehrlichen Gründen möglich ist, verschwinden sie auch umgehend. Und ich bin mir sicher, dass nur wenige sagen werden: Ohne Kübel finde ich den Ku’damm hässlich, denn in erster Linie lebt die 3,5 km lange Einkaufsstraße von den Schaufenstern und den Platanen. Und seien wir doch ehrlich: Irgendwie sind die Pflanzkübel ästhetisch ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

Klar ist aber auch: Bleiben die eckigen Ungetüme unbepflanzt stehen, werden sie zu Abfalleimern umfunktioniert und verkommen in der Tat zu Schmuddelecken. Deswegen haben wir zusammen mit dem Senat, der IHK und der AG City angefangen zu besprechen, was mit den durch den Wegfall der Kübel neu geschaffenen Räumen auf dem Mittelstreifen des Ku’damms passieren soll. Bänke, temporäre Orte für Kunst, Buddy-Bären der 16 Bundesländer und Fahrradabstellanlagen, all das ist denkbar. Warum sollten z. B. die Kultureinrichtungen der City West nicht die Möglichkeit bekommen, sich auf den Mittelstreifen des Ku’damms zu präsentieren? In diesem Zusammenhang wollen wir auch festlegen, welche Nutzungen auf den Gehweg dem hochwertigen Standard des Kurfürstendamms entsprechen und welche nicht.

Wenn wir uns als Partner für den Ku’damm auf ein Konzept einigen, bin ich zuversichtlich, dass es weiter aufwärts geht, auch im 126. Jahr des Kurfürstendamms.

— Marc Schulte, Berliner Bezirksstadtrat für

Stadtentwicklung und Ordnungsangelegenheiten,

Charlottenburg-Wilmersdorf

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