Meinung : Warum gibt es schon wieder Dioxin in Eiern und Fleisch?

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Zur Berichterstattung über den Dioxin-Skandal

Die Aufregung um die Dioxinfunde im Tierfutter ist nicht so ganz zu verstehen. Die Tatsache ist weder neu noch überraschend, denn bereits 2005 schrieb Claudia Baltinger, Sprecherin des Arbeitskreises Abfall des BUND NRW, in der Bundschau 4/2005: „Und da man in Zeiten hoher Spritpreise mit dem Versprechen, besonders überwachungsbedürftige flüssige Abfälle wie PCB-haltiges Altöl und dioxinbelastetes Frittenfett thermisch ,zu verwerten‘ oder gar noch Treibstoff daraus herzustellen (anstatt es – illegal – ins Tierfutter zu mischen; Anmerkung H.S.), als Heilsbringer gefeiert wird ...“ Erstaunlich ist höchstens, dass in diesen 5 Jahren offensichtlich nichts passiert ist, weder in Gesetzesänderungen noch in der Überwachung. Alle die Entschuldigungen und Ausreden unserer Politiker klingen doch wie Hohn und Verachtung gegenüber einer Bevölkerung, die offensichtlich für dumm und vergesslich gehalten wird. Solange diese Einstellung der Politiker sich nicht ändert, wird die Politverdrossenheit zunehmen und der Konsens, innerhalb der Legalität zu bleiben, immer dünner, da ja offensichtlich kriminelle Handlungen geduldet und nicht gebührend gestraft werden.

Dr. Harro Strehlow, Berlin

Sehr geehrter Herr Dr. Strehlow,

die BSE-Krise vor zehn Jahren hat zu einem Umdenken geführt und den Verbraucherschutz erstmals zum Thema gemacht. War es früher üblich, dass Lebensmittelskandale verharmlost wurden, dass die Minister demonstrativ in eine Wurst bissen, um Unbedenklichkeit vorzutäuschen, wurde in der BSE-Krise endlich gehandelt: Skandale wurden öffentlich gemacht und nicht mehr vertuscht, Fördermittel wurden umgesteuert hin zu einer nachhaltigeren und tierschutzgerechteren Landwirtschaft. Kontrollen und Informationsrechte der Verbraucher wurden gestärkt.

Das alles änderte sich vor fünf Jahren nach der Bundestagswahl 2005, als Horst Seehofer Landwirtschaftsminister wurde. Demonstrativ leitete er die Rolle rückwärts ein und drehte viele durch die Grünen erreichte Errungenschaften zurück. Der Bauernverband bekam wieder Oberwasser, die Massentierhaltung wurde wieder bevorzugt gefördert, die Förderung für Ökobauern zurückgefahren.

Die Fleischproduktion in Deutschland wurde in den letzten Jahren stark gesteigert. Gleichzeitig haben wir sehr niedrige Fleischpreise. Aber für diese niedrigen Fleischpreise zahlen wir einen hohen Preis, denn das geht zulasten der Qualität.

Bei einem solchen Preisdruck steigt nämlich das Risiko, dass einzelne Akteure kriminell handeln. Früher wurde das Futtermittel vom Bauern selbst angebaut, das war transparent. Nun gilt eine anonyme Arbeitsteilung. Wer es schafft, Abfall ins Futtermittel zu mischen, kann das Futter billiger anbieten und trotzdem fetten Gewinn machen. Viele Fleischskandale funktionieren nach diesem Prinzip. Dioxine in Eiern und Geflügel, weil Altöl ins Futter gemischt wurde. Hormone im Schweinefleisch, weil Medikamente im Futter entsorgt wurden.

Futtermittelbetriebe müssen deshalb besonders überwacht werden, denn sie sind mögliche Problembetriebe. Im konkreten Dioxinfall hat der Betrieb Fette für technische Prozesse in das Futtermittel gemischt und dadurch sein Futter billiger anbieten können. Eben dies hätte bei einer qualifizierteren Kontrolle auffallen müssen. Deshalb ist es so fatal, dass in den Bundesländern in den letzten Jahren Kontrollstellen abgebaut wurden.

Wir brauchen aber nicht nur mehr Kontrolle, sondern auch bessere Kontrollen. Entscheidend sind auch bundeseinheitliche Kontrollvorgaben für die Länder. Denn wenn nur ein einziges skrupelloses Unternehmen in einem einzigen Bundesland nicht richtig kontrolliert wird, löst dies einen Lebensmittelskandal in ganz Deutschland aus mit den verheerenden Folgen, die wir jetzt erleben.

Die Politik muss den Akteuren klar machen: Wer Gift ins Essen mischt, wird entdeckt.

Jeder Skandal muss genutzt werden, um sofort die richtigen Schritte einzuleiten, denn je weiter der Skandal zurückliegt, desto mehr wächst der Widerstand gegen notwendige Auflagen.

Die Landwirtschaftspolitik muss wieder umgesteuert werden Richtung bäuerliche Strukturen und Nachhaltigkeit statt Massentierhaltung.

Mit freundlichen Grüßen

— Bärbel Höhn ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Grüne und zuständig für die Bereiche Umwelt, Energie, Verbraucherschutz.

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