Meinung : Warum ich gehe

Bittere Bilanz nach 44 Jahren Deutschland: Dieses Land gibt Zugewanderten keine Identität / Von Bassam Tibi

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Als ich neulich bei einer Podiumsdiskussion in Berlin mit Bundestagspräsident Norbert Lammert in einem Nebensatz meine geplante Auswanderung in die USA erwähnte, ahnte ich nicht, dass dies als Zeitungsmeldung durch das Land gehen würde. Seitdem schreiben mir viele Deutsche mit der Bitte, ich möge bleiben. Doch es gibt auch andere – Deutsche wie Ausländer –, die die Chance nutzen, um mich in den Dreck zu ziehen. Ein „Zeit“-Autor, der mich zuvor in der Überschrift seines Artikels als „schwer integrierbar“ und „semi-wissenschaftlich“ diagnostizierte, verabschiedete mich hämisch: „Der Erfolg sei ihm gegönnt.“ Auf noch niedrigerem Niveau beglich das „Göttinger Tageblatt“ alte Rechnungen und ließ einen ehemaligen Doktoranden, der zehn Jahre für seine Dissertation benötigte, unter der Überschrift „Niemand wird Tibi vermissen“ über mich schreiben.

Meine Auswanderung, dies vorweg, ist nicht vorrangig durch das Göttinger Elend bedingt, wo ich laut Universitätspräsident zu den „Schwachstellen“ gehöre, die es „auszumerzen“ gilt. Das deutsche Universitätssystem ist offen und ermöglicht seinen Angehörigen, weltweit zu forschen.

Nein, der Hauptgrund ist ein anderer: Auf Dauer fühle ich mich fremd in diesem Land und werde entsprechend behandelt. Ich wandere aus, weil ich dieses Fremdsein nach 44 Jahren nicht mehr ertrage. Klar ist, dass ich, der schwer Integrierbare, kein Einzelfall bin. Die Mehrheit der hier lebenden „Ausländer“ ist als fremd einzuordnen; selbst ethnisch Deutsche aus Zentralasien, die auf der Basis ihres angeblich deutschen Blutes hineingelassen wurden, entdecken hier ihr Russischsein und fühlen sich genauso wie ich. Warum? Weil uns dieses Land keine Identität gibt. Dem „Spiegel“ sagte ich: „Wenn die Deutschen nach Auschwitz keine Identität haben, wie können sie dann Fremden eine geben?“ Statt zusammen mit uns Fremden an der Entfaltung einer zivilgesellschaftlichen Bürgeridentität zu arbeiten, entwickeln sich „die Deutschen“ – so der prominente Deutsche Mario Adorf – zu einem „Volk von Miesmachern“.

Ich wandere auch aus, weil ich glaube, Deutschland mehr zu lieben, als viele Deutsche es je getan haben. Aber ich habe es satt, ein „Syrer mit deutschem Pass“ zu sein, der seinem miesepetrigen Gastvolk dafür danken soll, dass ihm die Erfüllung des „deutschen Bürgertraums“ (laut „Zeit“-Artikel) gewährt wurde. Das Leben als C3-Professor an der Provinzuniversität Göttingen als „deutschen Bürgertraum“ zu bezeichnen, ist erbärmlich. Vor 1933, als jüdische Gelehrte an ihr wirken durften, hatte diese Universität einen großen Namen. Seit deren „Ausmerzung“ ist sie nicht mehr das, was sie einmal war. Warum habe ich es so lange in Göttingen ausgehalten? Ich blieb aus Liebe zu meiner Göttinger Frau, die an ihre Familie gebunden war. Und: Deutschland ist größer als Göttingen, bloß nicht für Ausländer. Auch meine Liebe zur deutschen Sprache und Kultur hat mich in diesem Land gehalten.

Was den Fremden – und vielen deutschen Weltbürgern – in der politischen Kultur Deutschlands fehlt, ist das, was die Amerikaner „sense of belonging“ (Zugehörigkeitsgefühl) nennen. Wenn nach 40 Jahren des Schaffens an einem modernen Islam, an Konzepten der Integration und an einem zivilgesellschaftlichen Konsens meine Bücher als „semi-wissenschaftlich“ tituliert werden, wenn der Bundestagspräsident die Leitkulturdebatte – ohne meinen Namen als Schöpfer des Begriffs zu nennen – neu beleben will, die Kanzlerin mich von ihrem Integrationsgipfel ausschließt und der Innenminister einen verhunzten deutschen Islam dem europäischen Islam vorzieht, dann frage ich mich, was ich hier noch soll.

In Harvard wirkte ich parallel zu Göttingen. Hier habe ich die besten Jahre meines akademischen Lebens (1982–2000) verbracht; keine deutsche Universität hat mir Ähnliches geboten. In eine deutsche Professorenschaft kommt man als Ausländer kaum je hinein.

Dennoch möchte ich Deutschland nicht verlassen, ohne ein Liebesbekenntnis auszusprechen. Es ist freilich eine Liebe, die ein kulturpsychologisch beschädigtes, also liebesunfähiges Volk nicht erwidern kann: Trotz aller Kränkungen bedeutet mir dieses Land – und noch mehr seine Sprache und seine Kultur – außerordentlich viel. Obwohl Arabisch meine Muttersprache ist, in die ich durch Auswendiglernen des Korans sozialisiert worden bin, spreche ich heute Arabisch mit deutscher Intonation – ebenso wie Englisch und Französisch, also die beiden Sprachen, die ich in der Schule in Damaskus gelernt habe.

Und zuletzt: Ich wünsche Deutschland mit seinen zwanzig Prozent Bewohnern mit Migrationshintergrund, die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben zu finden – und keine Intifada der Muslime zu erleben wie 2005 in Paris. Ohne Zivilisationsbewusstsein (der vor 600 Jahren verstorbene islamische Philosoph Ibn Khaldun nennt dies „Asabiyya“) und Identität geht dies nicht. Ich wünsche den Deutschen, kein „Volk von Meckerern und Miesmachern“ zu sein. Vor 1933 hatten sie bessere Zeiten, weil sie das „Volk der Dichter und Denker“ waren. Dies sehe ich heute nicht mehr.

Der Autor ist A. D. White Professor-at-Large an der Cornell University/USA und Autor des Buches „Europa ohne Identität?“

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