Meinung : Warum ich Schülerdemos meide

Roger Boyes

GASTKOMMENTAR

Seit einigen Tagen schleiche ich durch die Straßen, als müsste ich mich vor den Schüssen eines Snipers schützen. Beim schnellen Sprint zum Bäcker, bei dem ich meine Mikrowellen-Brötchen kaufe, ducke ich mich, wedle dann um die Hundigassi-Mafia, drücke mich am Postboten vorbei (was macht der hier so früh?), passiere den Bauunternehmer auf Rollerblades und umgehe den pensionierten Richter mit seinem Dackel.

Die ganze Straße – mit Ausnahme eines Mikrobiologie-Professors – ist gegen den Krieg. Ich bin Brite und in Erklärungsnot. Blut fließt in Mesopotamien, und plötzlich glaubt der Stadtteil Grunewald, Gerhard Schröder, den man hier vorher unter allen anderen Gesichtspunkten als einen Fehler ansah, sei ein Heiliger. St. Gerhard? Nun, warum nicht. Wir haben St. Tropez, St. Moritz und San Pellegrino. Wer erinnert sich noch, welche Wunder die vollbracht haben?

Wenn notwendig, bin ich immer darauf vorbereitet, meinen Nachbarn die Kriegsgründe darzulegen. Sie sind zu nett oder zu alt, um mich mit ihren Gehstöcken zu prügeln. Die Logik hat sich ja nicht verändert, seit die Truppen angefangen haben zu kämpfen. Unwiderlegbare theologische Argumente für einen Krieg sind nicht vorhanden, aber es gibt immerhin sehr schwer wiegende Gründe dafür, Gewalt einzusetzen, um einen Diktator loszuwerden, der droht, eine schon gefährliche Region weiter zu destabilisieren.

Schule schwänzen für den Frieden

Der Schaden, den Saddam der Glaubwürdigkeit internationaler Organisationen zugefügt hat, überwiegt bei weitem den Schaden, den die amerikanische Ungeschicktheit den Vereinten Nationen angetan hat. Natürlich gibt es auch subtilere Gründe für den Krieg. Mein Problem besteht darin, diese Argumente Kindern darzulegen. Denn es sind ja Kinder, die der neuen Friedensbewegung ihre Dynamik verleihen.

Letzte Woche habe ich im „Peace Camp“ Unter den Linden mit einigen der Schule schwänzenden Teenagern gesprochen und verließ sie dann deprimiert. Eine ganze Generation junger Deutscher wird mit Hilfe von Gehirnwäsche dazu gebracht zu glauben, Krieg sei von Natur aus böse. Irgendjemand nimmt diese Teenager auf den Arm.

Zuerst die Kinder: Sie werden ermutigt zu glauben, jede ihrer Ansichten sei wertvoll. Die Kultur des Nachmittagsfernsehens macht keinen Unterschied zwischen dem Darlegen einer eigenen Meinung (gut) und Exhibitionismus (sinnlos). Am zweiten Kriegstag machte Arabella eine Talkshow über das Schwitzen. Ein Mädchen mit einer gepiercten Nase fand frischen Schweiß cool, alten Schweiß ekelhaft. Beim „Peace Camp“ fanden die gepiercten Nasen Schröder cool und George W. Bush ekelhaft.

Zweitens die Lehrer, sicher die frustrierteste Berufsgruppe Deutschlands: Sie scheinen nicht mehr in der Lage zu sein, ihre Schüler durch eine offene Debatte zu festen moralischen Ansichten zu führen. Das Ergebnis? Viele junge Deutsche sind zu dem Schluss gekommen, dass es nichts in der Welt gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt. Lehrer sollten Kosovoalbaner einladen, in Schulen zu reden – sie können sehr präzise die Vorteile eines intelligenten und auf ethischer Grundlage geführten Krieges erklären.

Offen gesagt, eine Stadt, die viele ihrer Schulen nach Widerstandskämpfern oder verfolgten Freidenkern benannt hat, sollte diesen Rat eines Ausländers eigentlich nicht nötig haben. Es gibt eine gesunde Debatte für und gegen diesen Krieg in den Zeitungen; es wird Zeit, dass diese Diskussion auch in den Schulen geführt wird.

Der Autor ist Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Times“. Foto: privat

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