Meinung : Warum Iran die Bombe bekommt

Weder die USA noch Israel können den Mullahs glaubhaft militärisch drohen / Von Alan Dershowitz

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Blicken wir den Tatsachen ins Gesicht. Iran wird die Bombe bekommen. Das Land hat bereits Raketen getestet, die den gesamten Nahen Osten und einen großen Teil Südeuropas erreichen können. Und es behauptet, über 40 000 Selbstmordattentäter zu verfügen, die bereitstehen, seine Feinde mit Terror – auch Nuklearterror – zu überziehen.

Nichts wird Iran abhalten. Sanktionen gegen eine reiche Ölnation sind wertloser Protest. Die Diplomatie ist schon gescheitert, weil Russland und China auf beiden Seiten mitspielen. Sabotage, Bestechung – selbst die Ermordung von Nuklearwissenschaftlern – verzögern allenfalls den Zeitpunkt, an dem Iran zur Atommacht wird, verhindern es aber nicht. Übrig bleiben Androhung von Gewalt und, als letzter Schritt, Militäreinsätze.

Vermutlich würden die Iraner ihr Atomwaffenprogramm einstellen, wenn ihre Führer wirklich den Eindruck hätten, dass sonst ein irakartiger Angriff droht – eine umfassende Invasion, die Absetzung der Regierung und Besetzung. Führer, auch religiöse Führer, fürchten Inhaftierung und Tod. Nur die Vereinigten Staaten sind zu einem solchen Angriff in der Lage.

Aber der andauernde Krieg im Irak hat es den USA unmöglich gemacht, glaubhaft mit einer solchen Invasion zu drohen, weil die amerikanische Bevölkerung einen zweiten Krieg nicht akzeptieren würde – jedenfalls glauben das die Iraner. Außerdem würden Amerikas Verbündete im Irakkrieg, vor allem Großbritannien, einen solchen Angriff nicht unterstützen.

Genau deshalb spuckt die Bush-Regierung so große Töne. Sie will die iranische Regierung davon überzeugen, dass es ihr ernst ist – anzugreifen, einzumarschieren und das Regime zu stürzen, vielleicht sogar mit Hilfe taktischer Nuklearwaffen. Aber das funktioniert nicht. Es führt nur dazu, dass die iranischen Führer noch größere Töne spucken – und ihre Fortschritte auf dem Weg zur Atombombe übertreiben und mit Vergeltungsmaßnahmen durch Selbstmordattentäter drohen, falls Iran angegriffen werden sollte.

Der Krieg im Irak ist ein zweischneidiges Schwert, was Iran angeht. Einerseits stellt er unter Beweis, dass die USA bereit und in der Lage sind Diktaturen zu stürzen, die ihnen gefährlich erscheinen. Andererseits aber dokumentiert er ein Scheitern: Misstrauen gegenüber Geheimdienstbehauptungen, die Angst, in einen weiteren endlosen Krieg hineingezogen zu werden, scharfe Opposition in Amerika und anderswo. Die amerikanische Drohung klingt hohl.

Bleibt die israelische Drohung. Die ist zwar real, hat aber Grenzen. Wer könnte Israel einen Vorwurf machen, wenn es versuchte, die Atomwaffenfähigkeit einer verfeindeten Nation zerstören zu wollen, deren Führer, Mahmud Ahmadinedschad, noch am 14. April 2006 damit drohte, das „zionistische Regime“ in einem „Sturm“ – ein eindeutiger Hinweis auf einen Nuklearschlag – auslöschen zu wollen? Sein Vorgänger, der moderatere Haschemi Rafsandschani, spekulierte 2001, dass „in einer nuklearen Auseinandersetzung mit Israel sein Land vielleicht 15 Millionen Menschen verlöre, und das wäre nur ein kleines Opfer für die eine Milliarde Muslime weltweit im Tausch für das Leben von fünf Millionen israelischen Juden".

Diese Drohungen eines Nuklearangriffs werden von israelischer Seite ernst genommen, auch wenn sie weder bevorstehen noch als sicher anzusehen sind. Die Israelis erinnern sich gut an die apokalyptischen Drohungen eines früheren Diktators, die nicht ernst genommen wurden. Diesmal verfügen die, die bedroht werden, über die militärische Stärke, der Gefahr zu begegnen, und ihre Bereitschaft, das zu tun, steigt in dem Maße, wie die Gefahr steigt. Selbst bei einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent für einen iranischen Atomangriffs, wäre das Risiko der nationalen Auslöschung zu groß für jede Nation – und ganz besonders für eine, die auf der Asche des Holocaust aufgebaut wurde.

Die iranischen Führer verstehen das. Sie nehmen die Aussagen der israelischen Politiker ernst, niemals einen nuklearen Iran unter der gegenwärtigen Führung zu akzeptieren. Sie rechnen mit einem Angriff Israels, sobald sie kurz vor der Atombombe stehen. Warum aber lassen sie sich nicht von der Aussicht auf einen israelischen präemptiven (oder präventiven) Angriff abschrecken? Aus drei miteinander verbundenen Gründen: Erstens wäre ein israelischer Angriff ein begrenzter, chirurgischer Militärschlag. Er würde nicht einhergehen mit einer vollständigen Invasion, Besetzung und Regimewechsel. Zweitens würde er die Herstellung einer Atombombe lediglich verzögern. Einige Nuklearanlagen würden nicht getroffen, weil sie verbunkert sind oder in unzugänglichem Gelände. Der dritte und wichtigste Grund ist, dass ein israelischer Angriff das iranische Regime festigen würde. Es würde Iran in das Opfer einer „zionistischen Aggression“ verwandeln und die Muslime, sowohl in- als auch außerhalb Irans, gegen ihre gemeinsamen Gegner verbünden.

Hinzu kommt: Sollte sich die innenpolitische Lage für das Teheraner Regime verschlechtern, sollten etwa die aufkeimenden demokratischen oder säkularen Anti-Ahmadinedschad-Bewegungen stärker werden, könnte der Präsident durchaus an einen Punkt gelangen, an dem er einen israelischen Angriff begrüßen, sogar provozieren oder vortäuschen könnte. Deshalb funktioniert die israelische Drohung nicht als Abschreckung.

Wir haben also zwei Drohungen: die der Supermacht USA, die einen Regierungswechsel herbeiführen könnte, aber nicht wird; und die der Regionalmacht Israel, die durchaus angreifen kann, aber dadurch keinen Regierungswechsel herbeiführen, sondern das existierende Regime nur stärken würde. Die Iraner werden deshalb mit ihrem Atomwaffenprogramm fortfahren. Wenn sie nicht gestoppt, oder durch Militärschläge dramatisch behindert werden, wird aus ihnen innerhalb weniger Jahre eine Atommacht. Mit Atomwaffen bewaffnet und regiert von religiösen Fanatikern wird Iran zur gefährlichsten Nation der Welt.

Es existiert ein geringes, aber durchaus reales Risiko, dass der Iran einen selbstmörderischen Krieg mit Israel anzettelt. Es besteht eine viel größere Wahrscheinlichkeit, dass Iran Nuklearmaterial an eine seiner Terrorgruppen weiterreicht oder dass irgendeine Schurkentruppe Nuklearmaterial stehlen könnte. Das würde eine direkte Bedrohung der USA und ihrer Verbündeten darstellen.

Die Welt sollte solche Risiken nicht eingehen, wenn sinnvolle Schritte zu ihrer Verhinderung zur Verfügung stehen. Gibt es solche Schritte? Vermutlich nicht, solange die USA im Irak festsitzen. Die Historiker könnten einst durchaus zu dem Ergebnis kommen, dass Amerika und Großbritannien den falschen präventiven Krieg gegen ein Land geführt haben, das keine wirkliche Bedrohung darstellte, and dass dieser falsche Krieg sie davon abhielt, den richtigen präventiven Krieg gegen ein Land zu führen, das eine Gefahr für den Weltfrieden darstellte.

Auch wenn die Doktrin des Präventivkriegs leicht missbraucht wird – wie im Beispiel Irak – ist sie manchmal ein notwendiges Übel. Das Versäumnis von Großbritannien und Frankreich, Mitte der 30er Jahre einen präventiven Krieg gegen Nazi-Deutschland zu führen, hat die Welt Millionen Menschenleben gekostet. Wird das Gleiche einmal über das Versäumnis gesagt werden, Iran davon abzuhalten, Nuklearwaffen zu entwickeln?

Copyright: The Spectator

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