Meinung : Was bleibt, ist der Gestank

Roger Boyes

Der Müllmann kommt in Berlin mit dem con brio eines Wagner-Helden; bei Sonnenaufgang, mit blinkenden Lichtern, quietschenden Bremsen, begleitet vom Donner der Tonnen, die über die unebenen Pflastersteine gezogen werden. Die Müllmänner sind für drei sehr frühe Minuten die Stars in einem Drama, das von der BSR geschrieben wurde; temperamentvoll, besser bezahlt als ein Assistenzarzt – der Stolz von Berlin. Und trotzdem bin ich der einzige Bewohner meiner Straße, den der Müll nicht stört – alles Diven. Wer braucht schon Schlaf? Margaret Thatcher überlebte mit vier Stunden pro Nacht und hat es nebenbei noch geschafft, die Gewerkschaften zu zerstören.

Verglichen mit den rheinischen Müllmännern sind die Berliner empfindsame, feinfühlige Geister. In Bonn war der Müllmann ein Sozialarbeiter, ein Macher und Brecher der Nachbarschaftsordnung. Die Leute hatten so viel Respekt vor ihnen, dass Sie ihnen Calvin Klein Eau de Cologne schenkten, ein einfacher Tribut an heidnische Priester. Wenn Sie dort eine Plastikflasche in eine schwarze anstatt in eine gelbe Mülltonne werfen, ignoriert der Müllmann ihren Abfall in der darauffolgenden Woche garantiert. Es gab acht verschiedene Tonnen, in den Farben eines dreckigen Regenbogens. Und die Abholdaten waren von einem Computer programmiert, der die katholischen Feiertage mit einkalkulierte (Rheinland-Katholiken feiern häufiger als der Papst). Sie hatten allerdings nicht die größenwahnsinnige Wunderlichkeit der Müllmänner einberechnet, die immerhin die Macht hatten, jedes Haus zum Stinken zu bringen. Nur im Rheinland gibt es eine Müll-Hotline. Nur im Rheinland waschen Hausfrauen abends leere Joghurt-Becher aus. Das vermeintliche Jubel-Trubel-Heiterkeit- Rheinland ist in Wirklichkeit ein Ort der heimlichen Furcht und Abscheu. Fragen Sie Jürgen W. Müllmann, der im 16. Jahrhundert in Spanien wie ein Ketzer verfolgt wurde. Überall sonst in Deutschland wäre es Jürgen W. erlaubt gewesen, seinen Fall zu verhandeln.

Der Kontrast zwischen dem toleranten Wein liebenden Rheinland und dem verkniffenen Bier schlürfenden Berlin ist verfälscht. Die Wahrheit ist, dass das Neurotische, Kontrollwütige der gegenwärtigen Regierung sich hauptsächlich aus dem Rheinland herleitet – Müntefering und Clement. Sie sind die Disziplinarischen. Vergessen Sie Karneval, vergessen Sie rote Nasen und Alaaf! Alaaf!

Deren Einfluss verstopft jede Pore der Regierung. Einige Ämter (wie das Bundespresseamt) haben die Stechuhr eingeführt (im 21. Jahrhundert!) und limitieren ihre Telefongespräche auf zehn Minuten. Das ist nicht die Stimmung, mit der man zu einer neuen Epoche aufbricht. Wo immer man hinsieht, ist da der belanglose Despotismus des Bonner Müllmanns. Die Regierungserklärung zeigt, dass die Regierung in der Steuerpolitik, bei Recht und Ordnung, in der Energie-Strategie und beim Arbeitsmarkt die Entscheidungsfreiheit einschränkt und Freidenker bestraft. Alles Müll, oder was?

Der Autor ist Korrespondent der „Times“. Foto: privat

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