Meinung : Was Chefs bewegen

Schröders Taktik bei der Maut geht auf

Dieter Fockenbrock

Gerhard Schröder hat sich für die angenehme Seite des Maut-Theaters entschieden. Seine Rechnung ist offensichtlich aufgegangen. Solange die Industrie mit der Regierung um Termine, Technik und Konditionen stritt, solange hielt sich der Bundeskanzler im Hintergrund. Das nervige Gerangel um Vertragsdetails überließ er seinem Kabinetts- und Parteikollegen Manfred Stolpe. Der einstige Superminister für Bau, Verkehr und für den Osten sollte den Karren aus dem Dreck holen. Schließlich hatte Stolpe als zuständiger Ressortchef auch sein Teil dazu beigetragen, dass die für Herbst vergangenen Jahres geplante Einführung einer Lkw-Maut heute nur noch als „Desaster“ und „Lachnummer“ durch die Lande geistert. Stolpe zeigte viel zu viel Nachsicht mit dem Industriekonsortium. Und der ohnehin angezählte Regierungschef wollte sich an diesem unerquicklichen Thema nicht auch noch die Finger verbrennen.

Die Einigung wollte Gerhard Schröder aber doch gerne auf sein Konto buchen. Zuletzt unterstützte er seinen Minister mit wohldosierten öffentlichen Mahnungen an die Chefs von Daimler-Chrysler und Telekom, Jürgen Schrempp und Kai-Uwe Ricke. Und als der Verkehrsminister den Managern die Kündigung vor die Füße warf, stellte sich der Kanzler demonstrativ hinter seinen Minister. Durch den öffentlichen Bruch mit Daimler und Telekom hatte Rot-Grün Handlungsfähigkeit wiedergewonnen – jetzt waren die Herren Schrempp und Ricke am Zug. Wollten die Manager den Milliardenauftrag für ihre Konzerne retten, dann mussten sie jetzt Kompromisse anbieten.

Dabei war trotz der Kündigung klar: Zur Maut nach dem System Toll Collect gibt es keine wirkliche Alternative. Andere Maut-Systeme aus der Schweiz, Österreich oder Italien hätten kaum schneller die dringend benötigten Staatseinnahmen beschaffen können. Erst recht nicht die Lkw-Vignette. Das wäre zudem einem Rückfall in die technische Steinzeit gleich gekommen.

Genau diesen Eindruck wollte der Kanzler auf jeden Fall vermeiden. Hat er doch zum Jahresauftakt die Technologieoffensive für Deutschland ausgerufen. Darauf konnten sich die Manager Schrempp und Ricke verlassen. Und deshalb wussten sie auch, dass sie trotz der Kündigung im Geschäft bleiben.

Frechheiten konnten sich die Konsorten trotzdem nicht mehr leisten. Sie hatten inzwischen begriffen, dass mehr als ein einfacher Dienstleistungsvertrag auf dem Spiel stand. Spät, viel zu spät ist Schrempp und Ricke klar geworden, dass sie von der Bundesregierung beauftragt ware, der Welt zu zeigen, was „Made in Germany“ ist. Die zweite ist ihre letzte Chance zu beweisen, dass sie es können.

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