Meinung : Was die Berliner wissen wollen

Mangelnde Integration und scheiternde Schulen: Die Realität macht den Wahlkampf

Gerd Nowakowski

Klaus Wowereit feierte am Wochenende bei einem Event mit Jenny Elvers-Elbertzhagen. Die kennen sie nicht? Muss man auch nicht. Der Regierende Bürgermeister und die B-Prominente hatten sich viel zu erzählen – wenn man der Boulevardpresse glauben darf.

Zu den Problemen der Berliner Schulen zieht es Klaus Wowereit dagegen vor, möglichst wenig zu sagen. Dabei gäbe es genug Themen: die überforderten Hauptschulen, die Jugendliche aus so genannten prekären Verhältnissen immer häufiger ohne Abschluss verlassen. Oder die Gewaltvorfälle an Schulen: Polizeischutz für einen bedrohten Schüler in Schöneberg, die Vergewaltigung eines 16-jährigen Mädchens in Charlottenburg durch vier Schüler, darunter ein 13-Jähriger. Der Regierende Bürgermeister könnte sich damit beschäftigen, dass nun auch die Grundschulen nach Hilfe rufen, weil sie mit problematischen Kindern ohne zusätzliche Sozialarbeiter nicht zurecht kommen. Und welche Vorstellungen hat eine Landesregierung, die sich darauf einzustellen hat, dass im Jahre 2026 jeder zweite Schüler aus einer Migrantenfamilie kommt?

Wir wissen es nicht – und das genau vier Monate vor der Wahl eines neuen Landesparlaments. Klaus Wowereit, der am kommenden Wochenende von den Berliner Sozialdemokraten offiziell zum Spitzenkandidaten gekürt wird, ist nicht der einzige Schweiger. Auch sein Herausforderer von der Union, Friedbert Pflüger, bewegt sich beim Thema Integration gerne im Ungefähren. Beim Streit um einen Moschee-Neubau blieb er vage und stärkte damit die populistischen Ablehner, anstatt deutliche Worte zur Notwendigkeit von Integration anderer Religionsgemeinschaften zu finden. Und auch im Fall der gut integrierten Familie Aydin zog es Pflüger im Interview vor, nicht zu beantworten, ob er die Aufforderung zur Ausreise falsch oder richtig findet.

Glaube niemand, der bevorstehende Wahlkampf werde über Berlins Sparprogramm oder das unklare Fertigstellungsdatum des Großflughafens geführt. Mit beiden Themen hat sich der Berliner längst abgefunden. Bildung und Integration werden dagegen die Themen des Wahlkampfs sein, bei denen die Berliner Antworten für die Zukunft erwarten. Wer kein Konzept gegen fehlende Deutschkenntnisse bei Kindern aus Migrantenfamilien hat und keine Idee, wie der zunehmenden Gewaltbereitschaft und der mangelnden Disziplin zu begegnen ist, dem darf man diese Stadt nicht überlassen.

Die rot-roten Strategen könnten sich damit verrechnen, notfalls den zuweilen glücklos agierenden Schulsenator als Sündenbock für die Bildungsprobleme zu opfern. Klaus Böger hat oft genug auf die dringlichen finanziellen und personellen Probleme der Schulen hingewiesen – es fällt in die Verantwortung des Regierenden Bürgermeisters, die Hilferufe zu lange ignoriert zu haben. Und auch die Union braucht mehr Ideen, als nur auf null Toleranz zu setzen.

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