Meinung : Was dürfen Politiker?: Die Tugendwächter sind los

Fast sechzig Jahre Frieden in Deutschland: Kein Wunder, dass die meisten Biografien so wenig abenteuerlich wirken, und manche Skandale so banal. In den 70er Jahren hat man einem Politiker vorwerfen können, dass er zu Beginn seiner Karriere an Hinrichtungen mitgewirkt hat. Das waren noch Jugendsünden! Und darüber wurde damals tatsächlich kontrovers diskutiert - ist so eine Karriere okay, muss er deshalb zurücktreten oder nicht?

Wie wohlanständig muss ein deutscher Politiker heute sein? Ulla Schmidt, die neue Gesundheitsministerin, hat vor ein paar Jahren einen finanziellen Crash erlebt und früher mal in der Nachtbar ihrer Schwester als Kellnerin gejobbt. Vielleicht werden wir über Ulla Schmidt in den nächsten Wochen noch ungeheuerliche Dinge erfahren, aber beim gegenwärtigen Kenntnisstand gilt: nein, es gibt keinen Schmidt-Skandal, schon gar keine "Rotlichtaffäre", nur eine Biografie mit Kurven. Wer den lückenlosen Nachweis bürgerlicher Wohlanständigkeit bis in die Jugendtage fordert, der lässt nur eine einzige Variante von Politiker-Karriere zu: den fleißigen Jura-Studenten oder die emsige BWL-Studentin, die früh in die Partei eintreten und sich dort zielstrebig hocharbeiten. Niemand will, dass es nur solche Politiker gibt. Auch die Opposition nicht, nicht wirklich. Die CSU schmückt sich immerhin mit der Abgeordneten Wöhrl, die früher in einem Softporno mitgespielt hat.

Deutschland war nie so liberal wie heute. Die Leute machen, was sie wollen. Deswegen wirken manche Vorwürfe aus der Boulevardpresse sonderbar unzeitgemäß - was, ausgerechnet "Bild am Sonntag" macht sich zum Anwalt einer neuen Spießigkeit? Sehen so die letzten Verteidiger des Anstands aus, die Hüter der verlorenen Mädchentugend? Für das, was da passiert, für dieses unermüdliche Nachkramen in den biografischen Details der Spitzenpolitiker gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist der Konkurrenzkampf der Medien, ein zweiter sind möglicherweise neu aufflammende Anti-SPD-Affekte im Verlagshaus Springer. Dort haben sie erkennbaren Spaß daran, dem Kanzler Scherereien zu machen. Den Rest darf man "Amerikanisierung" nennen.

Das Individuum steht im Zentrum des amerikanischen Menschenbildes - das Individuum, nicht Gemeinschaft, Gesinnung oder Abstammung. Deswegen ist dort die eigene Biografie der wichtigste Rohstoff jedes Politikers. Seit in Deutschland die kollektiven Bildungen brüchiger werden - an die Kirchen oder die Gewerkschaften, an Ideen oder Ideologien - wird auch bei uns die individuelle Biografie und der individuelle Stil immer wichtiger, nicht nur bei "Big Brother", auch in der Politik. Andrea Fischers schlimmster Fehler war es deshalb, dass sie bei einer entscheidenden BSE-Pressekonferenz zu viel lachte: keine Sach-, sondern eine Stilfrage. Gerhard Schröders entscheidende Stärke ist sein Stil. Schröder sieht auch in Krisenzeiten wie ein geborener Sieger aus.

Biografie und Stil bilden eine Einheit. Was darf ein Politiker, ab wann wird er moralisch untragbar? Diese Frage ist fast nicht zu beantworten, denn es kommt sehr auf den Stil an, in dem jemand sich zu seinen Sünden oder Fehlern bekennt. Betroffenheit (Joschka Fischer) oder Coolness (Schröder) sind gut, Herumalbern (Andrea Fischer) oder Rechthaberei sind schlecht. Wer aber eine Affäre oder einen Skandal übersteht, dessen Image wird dadurch stärker - Joschka Fischer oder Ulla Schmidt werden nach Ende der Biografiedebatte stärker geworden sein, so, wie Franz Josef Strauß nach jeder seiner zahlreichen Affären immer unangreifbarer wurde. Im Gegensatz zu damals hält heute ein großer Teil des Publikums das Ganze ohnehin für ein Spiel. Trotzdem hat kaum jemand ein Problem damit, an die Lebensführung von Politikern strengere Maßstäbe anzulegen als an die eigene. Diese moralische Empörungsbereitschaft speist sich aus dem Wissen um die eigene Fehlbarkeit. Es ist aber nicht die Aufgabe der Politiker, ethisches Vorbild zu sein, oder moralische Elite.

Was darf ein Politiker? Er muss sich an die Gesetze halten. Er darf im Amt nicht lügen. Er soll seine Prinzipien nicht verraten: das, wofür seine Wähler ihm sein Amt verschafft haben, soll er auch tun. Das reicht, und das ist schwer genug.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben