Meinung : Was gehört zum Einmaleins der Grundschule?

Foto: Jessica Christoforidis
Foto: Jessica Christoforidis

„Schlechtes Zeugnis für die Grundschulen“

vom 7. September

Die Berliner Grundschulen verabschieden sich in breiter Front von dem Ziel, den Kindern elementare Kenntnisse beizubringen. An die Stelle des Erwerbs von Kenntnissen tritt das sinnvolle Ziel, verbessertes Sozialverhalten zu erreichen. Rechnen lernen, z. B. das kleine Einmaleins beherrschen? Nein, Erwerb „mathematischer Fertigkeiten“, was immer das bedeuten mag. Schreiben lernen? Nein, jedem Kind seine eigene Rechtschreibung. Irgendwann in Klasse 4 oder 5 verraten wir den Kleinen dann, dass das, was sie über Jahre gelernt haben, dummerweise falsch war. Statt dessen lesen sie in Klasse 4 Ernst Jandl. Lernziele nach zwei Jahren Englischunterricht in Klasse 3 und 4? Komplette Fehlanzeige, nichts dergleichen erkennbar. Es ist unverantwortlich.

Bildungsbürgerliche Elternhäuser holen zu Hause notdürftig nach, was die Schule nicht mehr lehrt. Kinder aus bildungsfernen oder migrationsgeprägten Elternhäusern haben keine Chance. Die Schule bietet selbst den Ehrgeizigen unter ihnen entscheidende Inhalte einfach nicht mehr an. Wir sollten mehr über die Inhalte des Unterrichts und seine Lernziele sprechen und weniger über Organisationsfragen, so interessant und vor allem so einfach zu diskutieren diese auch sind.

Reinhard Kaiser, Berlin, Prenzlauer Berg

Man kann die neue Studie zum Leistungsstand an Berliner Grundschulen als eine sehr schöne Illustration grundlegender Systembedingungen verstehen. Wenn man die Kinder früher einschult, so lautet ein wichtiges Fazit der Studie, dann werden sie auch in Berlin nicht einfach schlauer, sondern dann müssen sie die Entwicklungszeit, die man ihnen an der einen Stelle genommen hat, an einer anderen Stelle nachholen. Wenn man auf Jahrgangsklassen verzichtet, dann hebt man auch die positiven Effekte auf, die sich aus dem sozialen System der Schulklasse ergeben. Wenn man den Rahmen ändert, in dem die Lehrkräfte bisher operiert haben, dann geht das nur, wenn man entsprechende Fortbildungen anbietet usw.

Wie beim kleinen Einmaleins sind das eigentlich ganz einfache Verhältnisse. Sie gehören seit Jahren zum Grundbestand des wissenschaftlichen Denkens über Schule und Unterricht und sind in vielen empirischen Studien immer wieder bestätigt worden. Auch in der Schule kann man Fortschritt und Entwicklung eben nicht einfach herbeizaubern, sondern man muss bestimmte Bedingungen einkalkulieren, wenn eine Sache wirklich funktionieren soll. Tut man das nicht, dann hat man nur scheinbar ein Problem gelöst, sich gleichzeitig aber sehr viele neue Schwierigkeiten aufgeladen.

Sicher kann man den Politikern in Berlin nicht unterstellen, sie hätten vom pädagogischen Einmaleins des Schulsystems bisher noch nichts gehört. In der Regel werden ja erfahrene Wissenschaftler und Pädagogen an solchen Reformen beteiligt und bevor man sich zu weitreichenden Eingriffen in die Struktur der Schule entscheidet, werden sie üblicherweise auch gründlich geprüft. Gerade die Fragen des Einschulungstermins und der flexiblen Eingangsklassen betreffen Zusammenhänge, die in der Bildungsforschung seit Jahren ausführlich untersucht und diskutiert werden.

Andererseits ist in der Vergangenheit aber auch immer wieder festgestellt worden, dass die Entwicklung des deutschen Schulsystems in ihren Hauptlinien nach anderen als wissenschaftlichen oder pädagogischen Gesichtspunkten erfolgt. Im Zustand unserer Schule bringen sich vor allem gesamtgesellschaftliche Bilder und Muster zum Ausdruck. Man könnte auch sagen: Jede Kultur bekommt die Schule, die sie verdient. Auch das ist eine grundlegende, eine „elementare“ Wahrheit.

Zu unserer Zeit der Flexibilisierung, der Globalisierung und der Deregulierung passen deshalb auch flexible Eingangsklassen, Projektunterricht und Frühförderung ganz gut. Die Schulpolitik vollzieht hier eigentlich nur nach, was in Verwaltung, Industrie und Handel längst praktiziert wird: Das Bildungsideal des „flexiblen Menschen“ (R. Sennett), der auf Knopfdruck in jede beliebige Entwicklung einsteigen, der möglichst nicht sentimental an alten Bindungen hängen und seine Bildungskarriere am besten glatt und ohne Übergangsschwierigkeiten durchlaufen sollte.

Wir wissen inzwischen, welche problematischen Kehrseiten dieses Ideal in allen Teilen unserer Gesellschaft hervorgebracht hat. Aus psychologischer Sicht scheint auch hier wieder ein ganz „elementares“ Gesetz wirksam zu werden: Je mehr wir auf der einen Seite auf Beweglichkeit setzen, um so mehr haben wir auf der anderen Seite mit verdeckten Festlegungen und Zwängen zu tun. Nicht umsonst klagen viele Menschen, die mit der Schule zu tun haben, über bürokratische Vorschriften und unsinnige Kontrollzwänge, über Schuldzuweisungen und Heuchelei, über Machtgier und Mobbing.

Das alles bezeichnet ein Problem von sehr großen Ausmaßen. Vielleicht könnte aber gerade die Frage nach dem „Einmaleins“ der Pädagogik und der Schule einen Ausweg aus der Misere bieten. Anstatt die Schule neu zu „erfinden“, müssten Politiker und Bildungsplaner sich eigentlich hinsetzen und die Schule noch einmal sehr gründlich „durchbuchstabieren“.

— Michael Ley, Organisationspsychologe und

Geschäftsführer des IQ Bildung in Köln

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