Meinung : Was Gott bisher nicht wusste

Katholiken müssen künftig Straßenverkehrssünden beichten

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Von Gerhard Mauz

RECHTSWEGE

Es kann nicht sein, dass Papst Johannes Paul II. nur die Absicht hatte, Journalisten Anlass zu lustigen Überschriften zu geben. Etwa: „Kann denn Rasen Sünde sein?“

Nein, die katholische Kirche ist im Ernst zu der Auffassung gelangt, dass „Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung“ gebeichtet werden müssen, weil sie die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer zur Folge haben können. Wer das unterlässt, wird sich spätestens nach seinem Ableben härteren Strafen ausgesetzt sehen. Der Paragraph 1736 im neuen Katechismus der katholischen Kirche stellt alle Verletzungen der Straßenverkehrsordnung unter Strafe. In einigen Punkten legt er sogar eine härtere Auslegung der Verkehrsregeln als im Alltag nahe. Wer etwa ein einziges Bier trinke und danach doch Auto fährt, könnte zwar nach dem irdischen Verkehrsrecht auf der sicheren Seite sein, nicht aber vor dem Auge Gottes. Denn wer nicht gänzlich auf Alkohol am Steuer verzichte, begehe, so der Kardinal Ersilio Tonini, eine schwere Sünde. Es dürfe keine Gefährdung im Straßenverkehr geduldet werden. Denn schon dies verstoße gegen das fünfte Gebot, das da sagt, dass nicht getötet werden darf.

Das strenge, entschiedene kirchliche Wort verwundert. Denn in der Praxis des alltäglichen Verkehrs auf den Straßen geht es noch immer – und wohl auch weiterhin – nach der fröhlichen Frage, ob denn Rasen Sünde sein kann. Als Leitmaxime gilt, dass alles erlaubt ist, bis auf eins: Man darf sich eben nicht erwischen lassen darf.

Die Strafen für Fahrer, die es dann doch erwischt , sind relativ glimpflich und von Verständnis geprägt, denn schließlich ist fast jeder von uns ein – sündiger – Autofahrer. Und gerade die, die täglich lange im Verkehr unterwegs sein müssen, stehen ziemlich unter Druck.

Zwischen der Vorschrift und dem Respekt vor ihr dehnt sich also einmal mehr die Kluft des Alltags. Und wer hat schon die Phase nach dem Ableben jederzeit und warnend vor den Augen? Vielleicht kann der neue Paragraph im Katechismus der katholischen Kirche da helfen. Und das Gute dabei ist: Dem Beichten folgt die Vergebung.

Der Autor schreibt für den „Spiegel“ und war lange Gerichtsreporter. Foto: Dirk Reinartz

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