Meinung : Was gucken sie?

Deutsch-türkisches Experiment: „Gegen die Wand“ jetzt im Kino

Jan Schulz-Ojala

Der heutige Kinostart von Fatih Akins Berlinale-Siegerfilm „Gegen die Wand“ vollzieht sich in einem Klima gespannter Erwartung. Um nicht zu sagen: Nervosität. Sie mag verstärkt werden durch die Unruhe, in die der umstrittene, nächste Woche ins Kino marschierende Jesus-Film von Mel Gibson die ganze Branche versetzt. Und sie mag sich weiter aufladen durch das Restglimmen des Skandälchens um die Porno-Vergangenheit der jungen „Gegen die Wand“-Hauptdarstellerin Sibel Kekilli. Doch es ist der Film selbst, dessen vitaler Kern die Kinolandschaft verändern dürfte – und den Blick der bikulturellen Gesellschaft dieses Landes auf sich selber.

Denn „Gegen die Wand“ ist deutsch und türkisch. Die dramatische Liebesgeschichte, die die zunächst nur zum Schein verheirateten Eheleute Birol und Sibel auf eine qualvolle Odyssee von Hamburg nach Istanbul treibt, hat auf der Berlinale die höchsten cineastischen Weihen erhalten, weshalb ihr das breite Interesse aller Filmfans gilt. Und sie plädiert so radikal für Freiheit von gesellschaftlichen und familiären Normen, dass sie vor allem die deutschen Türken der dritten Generation ansprechen dürfte. „Gegen die Wand“ wird ein ganz neu gemischtes Publikum ins Kino ziehen. Und es konfrontieren, auch provozieren. Also: verändern.

Dabei ist diese Bewegung alles andere als selbstverständlich. Ihr eigentliches Fundament bekommt sie erst durch die scheinbar entlegene Nachricht, dass der Film, in dem völlig selbstverständlich Deutsch und Türkisch durcheinander geredet wird, zeitgleich in der Türkei ins Kino kommt – ein absolut ungewöhnlicher Parallelstart. Und erst das Medien-Echo in der Türkei macht die türkische Community – via Satellitenschüssel – auf den Film auch in Deutschland neugierig. Integration? Allenfalls, um einen Laufweg aus dem Billardspiel abzuwandeln, eine über die Bande.

Denn es ist ja nicht so, dass etwa schon der souveräne Auftritt von Fatih Akin und seiner charmanten, mutigen Hauptdarstellerin Sibel Kekilli soeben bei TV-Beckmann viel verändert. Damit erreicht man auch wieder überwiegend das deutsche Publikum. Selbst die Filme der jungen Deutschtürken, sogar die früheren Erfolge Fatih Akins wie „Im Juli“ oder „Solino“, die zumindest indirekt von ihrem eigenen Schicksal erzählen, haben sich die Türken hier zu Lande zumeist nicht angesehen. Noch immer melden sich hunderttausende Türken in Deutschland feierabendwärts aus ihrem realen Zuhause ab und gucken türkisches Fernsehen per Satellit. Aus dieser fremden Heimat zweiter Hand beziehen sie ihr Verhältnis zur Wirklichkeit, weitgehend abgekoppelt von den hiesigen Informationsströmen. Und wenn sie in Deutschland ins Kino gehen, durchaus auch zu Hunderttausenden, dann in jene Actionfilme oder Melodramen, die ihren Weg in der Türkei und durch die türkischen Medien längst gemacht haben.

Doch das ist ein Markt für sich. „Gegen die Wand“ aber will und wird die Zuschauerströme zusammenbringen und das Bewusstsein für unsere längst bikulturelle Identität schärfen. In dieser Eindringlichkeit hat es das im deutschen Kino noch nicht gegeben. Ein Film erzählt von den Rissen in der weitgehend abgeschottet lebenden türkischen Binnengesellschaft, erzählt von dem Lebenshunger, den die jungen Menschen ihren familiären Strukturen entgegenstellen und an denen sie mitunter zu zerbrechen drohen. Und wir sehen uns das, glücklicher Zufall indirekter Vermittlung, gemeinsam an.

Niemand weiß, welchen Weg „Gegen die Wand“ wirklich im Kino nehmen wird: ob er ein Versöhnungswerk wird wie „Good Bye, Lenin!“, eine wochenlange wenn nicht vereinte, so doch vereinbare Wahrnehmung mit Gewinn für alle. Oder ob das ungewöhnliche Selbsterfahrungsexperiment bald unter die Räder kommt – und sei es, weil ein zum Blutklumpen reduzierter Jesus im Kino denn doch mehr zieht. Einen Anfang aber bedeutet Fatih Akins Film, das immerhin ist zu hoffen, für ein Annäherung der Deutschen und der Türken in der dritten Generation. Denn „Gegen die Wand“ erzählt, indem er in die türkischen vier Wände eindringt, vom Leben vor unser aller Wohnungstür.

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