Meinung : Was Hans verlernt

Die Iglu-Studie an den Grundschulen wirft ein neues Licht auf die Pisa-Ergebnisse

Tissy Bruns

Jetzt stellen wir uns mal ganz dumm. Nachdem wir viel über Pisa gelernt haben, ist als Nächstes Iglu dran. Doch bevor man sich an neuen Stoff wagt, wiederholt man am besten kurz den alten. Bei Pisa haben wir uns gemerkt, dass unsere 15-Jährigen schlecht in der Schule sind. Aber die in Bayern lernen besser als die in Bremen. Weil die Verantwortlichen in Bayern immer für das Gymnasium und Leistung waren, die in Bremen für die Gesamtschule und Diskussion, ist ungefähr klar, wo das Problem liegt. Leistung ist besser als Diskutieren, Gymnasium besser als Gesamtschule. Bayern hat Recht behalten im großen Kulturkampf von damals, als es vor 30 Jahren um die alte gegliederte gegen die moderne einheitliche Schule ging.

Nun aber zu Iglu. Unsere 10-Jährigen können gut lesen und rechnen. Aber weil sie allesamt auf die einzige Gesamtschule der Nation gehen, nämlich die Grundschule, sehen wir jetzt leider in ein großes schwarzes Loch. Wenn die 10-Jährigen gut, die 15-Jährigen aber schlecht sind, dann stimmt das mit dem Gymnasium und der Gesamtschule vielleicht doch nicht. Jedenfalls sagen jetzt die von der GEW und andere, die damals für die Gesamtschule waren, dass sie doch Recht haben und die 15-Jährigen besser dran wären, wenn sie nicht so früh ausgelesen werden. Erörtern Sie das Thema in These, Gegenthese und Synthese.

An dieser Stelle des Unterrichts im Stil der „Feuerzangenbowle" wären die Schüler längst sanft entschlafen oder hätten sich wichtigeren Dingen zugewandt, etwa dem Zigarettendrehen, Kartenspielen oder Liebesbriefen. Leicht vorzustellen, wie sie sich ihrer Aufgabe flink entledigt hätten. In fast allen Aufsätzen würde stehen, dass beide Seiten auf ihre Art Recht haben und die Lehrer von den 15-Jährigen vielleicht mehr verlangen müssten – hart, aber gerecht.

Die Bildungspolitiker, die sich nun über Iglu streiten, scheinen sich nicht einmal auf dieses frühgymnasiale Niveau begeben zu wollen. Wieder findet ein Luxusstreit über die Schulform statt, der Eltern und Schülern herzlich egal ist und den meisten Lehrern inzwischen auch. Denn es liegt auf der Hand, dass er nicht weiterhilft. Wer sich nach Pisa als später Sieger über die 68er fühlt, kann die Erfolge des Pisa-Siegers Finnland nicht erklären. Dort sind die alten deutschen Gesamtschulträume Wirklichkeit. Wer nach Iglu mit dem Gesamtschulmodell auftrumpfen will, muss sich die Frage gefallen lassen, warum Berlin mit seiner Sechs-Klassen-Grundschule den deutschen Pisa-Vergleich nicht gewonnen, sondern verweigert hat.

Der Iglu-Befund ergänzt die alte Volksweisheit um ihr Gegenteil. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Was Gretelchen lernt, verlernt Grete immer mehr. Darüber kann sich niemand freuen. Iglu ist kein Grund zum Rechthaben, sondern zum genauen Hinsehen, Auswerten und Lernen. Die Lebenswirklichkeit gibt wenig dafür her, dass der Unterschied zu den weiterführenden Schulen in erster Linie durch das Einheitsschulprinzip entsteht. Es gibt Grundschulen, die 80 Prozent ihrer Schüler nach der vierten Klasse ins Gymnasium entlassen und andere, in denen für 80 Prozent schon nach der zweiten Klasse feststeht, dass dieser Weg nicht in Frage kommt. Allein der Standort einer Grundschule kann zu Klassen führen, die homogener zusammengesetzt sind als viele Gymnasialklassen.

Eine verfrühte, problematische Auslese bahnt sich laut Iglu dagegen schon in der integrierten Grundschule an: Kinder mit Eltern ausländischer Herkunft liegen in der vierten Klasse ein Jahr zurück. In Bremen sind die Eltern von 40 Prozent aller Grundschulkinder Ausländer, im Bundesschnitt sind es gut 20 Prozent. Das lehren Pisa und Iglu unerbittlich: Der Spracherwerb von Kindern mit ausländischem Hintergrund ist ein Kardinalproblem des deutschen Bildungswesens.

Die Grundschule hat aber eigene Stärken, die systematische Beachtung verdienen. Im Windschatten der großen Bildungsschlachten und mit dürftigen Mitteln haben die Grundschullehrerinnen reformiert, was Schule zuallererst ausmacht: den Unterricht. Die ABC-Schützen von heute lernen anders als ihre Eltern, mit Freiarbeit, in Gruppen, mit Methodenvielfalt. Dass viele Grundschulen auf stille Art moderner werden konnten, verdanken sie ihrem natürlichen Vorteil. Weil die Kinder kleiner sind, steht das enge, emotionale Bündnis zwischen Lehrern, Eltern und Schülern noch, das der Schule Selbstvertrauen geben kann. Das dämpft den grauen Frust, der die schlimmste deutsche Bildungskrankheit ist.

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