Meinung : Was hat die Farbe des Lippenstifts mit Baukultur zu tun?

Foto: Kai-Uwe Heinrich
Foto: Kai-Uwe HeinrichFoto: Kai-Uwe Heinrich TSP

„Warum sich in der Verwaltung niemand um

Architekturqualität sorgt" vom 28. Mai

Im Artikel schrieb Ihr Mitarbeiter Ralf Schönball folgenden Satz: „Eine Vorliebe für kräftiges Rot hat auch seine Nachfolgerin Regula Lüscher, zieht damit allerdings vor allem ihre Lippen nach.“ In den vergangenen Wochen haben wir mit Unverständnis und wachsendem Unmut zur Kenntnis genommen, dass sich Herr Schönball offenbar auf die Berliner Senatsbaudirektorin „eingeschossen“ hat. Er versucht, unsere Kollegin zu diskreditieren, und berichtet einseitig über ihre Kritiker aus dem Kreis von Fachkollegen, die ihre lange gehegten Planungsideen von gestern wieder aktivieren wollen. Der Tagesspiegel lässt sich damit einseitig von einer Stadtvorstellung und Architekturhaltung instrumentalisieren. Das ist gutes Recht der Journalisten, widerspricht aber dem Anspruch auf Ausgewogenheit, für den wir den Tagesspiegel eigentlich schätzen. Was bitte hat die Lippenstiftfarbe der Senatsbaudirektorin mit deren Kompetenz zu tun? Was soll mit diesem Satz ausgesagt werden, um dann im Artikel mit einem „Bemühen um Baukunst“ fortzufahren? Vor wenigen Monaten diskutierte ganz Deutschland über Sexismus und dessen Ausprägungen und Erscheinungen im gesellschaftlichen Alltag. Was war es nur, was Herrn Schönball bewogen hat, solche Sätze über unsere Kollegin und anerkannte Fachfrau zu schreiben?

Wir finden es begrüßenswert, dass die Senatsbaudirektorin einen neuen Planungsstil etabliert hat, mit einem zeitgemäßen, auf Dialog aufgebauten Steuerungsinstrument. Die Umsetzung wird mit dem Gremium des Baukollegiums in den Vordergrund gerückt, um eine architektonische Qualität zu sichern oder zumindest zu unterstützen. Im Interesse der Qualität Ihrer Zeitung bitten wir zu prüfen, ob die richtige und sehr wichtige Debatte um die Baukultur unserer Hauptstadt auch im Tagesspiegel nicht besser frei von Ideologien geführt werden sollte.

Prof. Hilde Léon, Architektin, Berlin, Louisa Hutton, Architektin, Berlin, Britta Jürgens, Architektin, Berlin, Prof. Regine Leibinger, Architektin, Berlin, Prof. Dr. Elisabeth Merk, Stadtbaurätin, München, Prof. Dr. Iris Reuther, Senatsbaudirektorin, Bremen, Prof. Dipl. Ing. Arch. Christiane Thalgott, Stadtbaurätin a. D., München, Prof. Gesine Weinmiller, Architektin, Berlin.

Sehr geehrte Damen,

haben Sie Dank für den offenen Brief an unser Haus. Sie haben recht, in Berlin wird wieder über Architektur gestritten – und darüber berichtet der Tagesspiegel.

Debatten über Baukultur, Kontroversen darüber, wie die Stadt ergänzt, erweitert oder umgestaltet werden muss, tun gerade hier, gerade jetzt not, wo ein gigantisches Bauprogramm auch beliebte und umkämpfte Gebiete wie das Tempelhofer Feld oder den Stadtkern erfassen wird. Die Milliarden, die in den Bau neuer Wohnungen fließen, werden Berlin verändern. Eine gewaltige städtebauliche Umwälzung steht bevor. Das muss kritisch begleitet werden.

Ideologisch, wie Sie ganz richtig schreiben, wird diese Debatte im Fall des Stadtkerns geführt, weil die Architektenschaft hier in zwei Lager gespalten ist. Hochpolitisch ist sie auch, weil Berlins SPD-Chef die Diskussion anstieß. Diese Gemengelage bilden wir ab und davon handelte eine Reihe von Berichten, Reportagen und Leitartikeln aus ganz unterschiedlichen Federn in unserem Hause. Und Sie haben auch damit recht: Die Senatsbaudirektorin geriet wiederholt in die Kritik. „Schießt“ sich der Tagesspiegel aber deshalb auf Regula Lüscher ein, wie Sie es ausdrücken?

Ich sehe das nicht so. Vielmehr werfen wir Fragen auf, die auch andere umtreiben, sogar überregionale Blätter: Was ist Lüschers Geschichtsverständnis in der Stadtkerndebatte? Welches Bild von Berlins Zukunft hat die Senatsbaudirektorin? Was ist ihr Anteil an den Bausünden? Konzentriert sie sich zu sehr auf Details einzelner Bauten und zu wenig auf den Städtebau?

Zugegeben, wir stellen unbequeme, polarisierende Fragen, aber werfen Sie bitte einen genaueren Blick auf die Berichterstattung. Sie finden, gerade bei uns – und zwar auch im letzten Beitrag – immer wieder Anerkennung für Frau Lüschers Arbeit, der etwa die Tour Total zu verdanken ist – und Sie finden Wertschätzung für den moderierenden klugen Ton, den sie anschlägt.

Und nehmen Sie das Porträt der Senatsbaudirektorin, das wir im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, als Frau Lüscher in der Kritik stand, weil sie die explodierenden Baukosten der Staatsoper zu verantworten hat. Dieses Porträt bildet das Tableau für den Satz, an dem Sie sich nun besonders stoßen. Im Dezember hatte mir Frau Lüscher erzählt, sie ziehe mit rotem Lippenstift auf den weißen Fliesen im Bad täglich Bilanz über ihre Arbeit: Ausrufezeichen steht für Erfolg, Blitz für Streit. Diese zutiefst sympathische Art der Selbstvergewisserung sollte anklingen in dem – und das will ich eingestehen – zu kurz gefassten und daher missverständlichen Satz, den Sie attackieren.

Sehen Sie uns diese Unschärfe bitte nach, ebenso wie die unbequemen Fragen, die zu stellen wir verpflichtet sind.

— Ralf Schönball ist Reporter/Redakteur

beim Tagesspiegel.

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