Meinung : Was hat die Kuh mit dem Wald zu tun?

Ein Fünftel aller Bäume ist krank. Klimaschutz und Agrarwende könnten helfen

Dagmar Dehmer

Oh Tannenbaum. Einmal im Jahr wird er besungen – im Wohnzimmer. Einmal im Jahr wird auch nach seinem Befinden gefragt – im Wald. Und da das Waldsterben schon 20 Jahre alt ist, hält sich das Interesse in Grenzen. Schließlich ist der Wald immer noch grün. Oder etwa nicht?

Gerade der Tanne geht es schlecht, vor allem in den Bergwäldern Bayerns. Dort ist die Hälfte sehr krank. Sie haben einen Großteil ihrer Nadeln verloren, werden instabil, können die Erosion nicht mehr aufhalten und bieten keinen sicheren Schutz mehr vor Lawinen. Armer Tannenbaum.

Der Alarmruf der Umweltschützer Anfang der 80er Jahre lautete: Der Wald stirbt. Nun sind viele geradezu enttäuscht, dass es noch immer Wald gibt. Hat sich die deutsche Öffentlichkeit also von einer völlig überflüssigen Hysterie aufschrecken lassen? Nein, hat sie nicht. Denn dem Wald geht es heute nicht besser als bei der ersten Schadenserhebung 1984. Noch immer ist ein Fünftel aller Bäume sehr krank. Nur ein Drittel des Waldes ist gesund. Und das sind überwiegend Bäume, die noch keine 20 Jahre alt sind. Der Warnruf der Umweltschützer hatte schließlich Erfolg. Schwefeldioxid, damals als Hauptschuldiger am Sterben der Wälder ausgemacht, wird heute nur noch in geringen Mengen aus Fabrikschornsteinen ausgestoßen.

Aber wer kann nach 20 Jahren Waldsterben überhaupt noch erkennen, ob ein Baum gesund ist? Außer einem Förster. Schließlich ist der Wald keine Versammlung von gleich alten Bäumen, die alle gleichzeitig dem Exodus entgegengehen, sondern eine Gemeinschaft von Pflanzen, die sich unentwegt verjüngt. Deshalb konnten die jungen Bäume zumindest davon profitieren, dass das Schwefeldioxid nicht mehr in der Luft war. Im Boden können aber auch sie dem alten Schadstoff nicht entgehen. Die jahrzehntelangen Einträge von Schwefel in die Waldböden haben eine dauerhafte Versauerung verursacht. Das schadet den Bäumen, aber nicht nur ihnen.

Was passiert, wenn ein Waldboden nicht mehr als Wasserspeicher funktioniert, war in diesem August im Erzgebirge zu beobachten. Dort ist der Wald tatsächlich flächenweise abgestorben. Der tagelange Regen ergoss sich ohne Umweg über die Waldböden in die Bäche – mit dem bekannten Ergebnis von Flut und Zerstörungen. Die Waldböden sind aber nicht nur wichtig als Wasserspeicher. Sie sind auch unsere Lebensversicherung für das Trinkwasser. Geschädigte Waldböden können nämlich keine Schadstoffe mehr aus dem Grundwasser ziehen.

Anders als vor 20 Jahren gibt es für diese anhaltenden Umweltprobleme keine einfache Lösung. Aber zumindest liegt die Politik nicht falsch damit, das Klima konsequent zu schützen und die Agrarwende weiter voranzutreiben. Beides nutzt auch dem Wald. Die Menge der Autoabgase muss ohnehin sinken, um die Erderwärmung aufzuhalten. Gleichzeitig mit dem Kohlendioxid sinkt auch die Menge der Stickoxide. Das hilft den Bäumen, gesund zu bleiben. Wenn die Ammoniakdämpfe in der Landwirtschaft weniger werden, heißt das nicht nur, dass weniger Kühe auf größeren Flächen gehalten werden, sondern es nutzt auch dem Boden. Damit der Tannenbaum noch lange grün bleibt.

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