Meinung : Was hat die Woche gebracht ...

David Ensikat

für Humoristen

Mensch, darf man das jetzt schon wieder? Kann man es überhaupt? Lachen? In New York raucht noch immer der Trümmerberg, die weltpolitischen Folgen sind nicht absehbar, die militärischen Schläge, mit denen die Amerikaner antworten werden, erst recht nicht, und schon kursieren die ersten Doppelturmscherze, Bin-Laden-Bush-Vergleiche und United-Airlines-Witze. Zwar werden sie eher mit der Entrüstung des Entdeckers als mit dem Stolz des Spaßvogels erzählt - aber die Leute lachen dann trotzdem drüber. Die meisten. Und natürlich nur: die anderen. Großartige Zeiten sind das für Spaßmacher und Fernsehhumoristen: Selten wurden sie so ernst genommen.

für Moralisten

Gerade ist die Entrüstung über Stockhausens Verwirrung abgeebbt, da liest man in der "Bild"-Zeitung und in anderen Feuilletons über die Rückkehr der Spaßmacher an die Fernsehfront. Ordentlich nach gut und böse sortiert: Harald Schmidt besteht nach vierzehn Tagen Denk- und Satirepause den Test, Ingo Appelt nicht. In Krisenzeiten werden die Hüter der Moral zu Spaßspezialisten. In der Bildzeitung erzählen sie unter der Überschrift "Widerlich!" die grauseligsten Terrorwitze weiter. Ein bisschen Empörung soll schon sein - aber bitte zum Mitlachen.

für Treue

Die sind ja immer die Dummen. Irgendwann werden die Untreuen eben untreu, und dann stehen die Treuen da. Sabine Christiansen steht jetzt da, und alle gucken, wie sie guckt. Wie guckt eine, die gerade ihren Mann an die Freundin verliert? Guckt sie belämmert, sagen alle: Toll, die zeigt Gefühl. Guckt sie cool, sagen alle: Toll, starke Frau. Medienwirkungstechnisch betrachtet, kann die Treue nichts falsch machen, sie ist gut dran. Beziehungstechnisch wohl weniger. Aber alle Treuen im Lande wissen: Die Medien stehen auf unserer Seite. Auch wenn die Medien auf nichts sehnlicher warten als auf den öffentlich vollzogenen Treuebruch, mit Reue, Wiedervereinigung und allem drum und dran.

für Untreue

Man kann nicht sagen, dass sie immer die Schlauen wären. Das sind sie nur, so lange sie es verstehen, ihre Untreue geheimzuhalten. Schade eigentlich, denn dann erfährt ja keiner von ihrer Schläue. Von Ulla Kock am Brinks Untreue haben alle erfahren - und nun steht sie ganz dumm da. Interviews kann sie jetzt ganz viele geben und alles erklären und dementieren und dann das Dementierte wieder zurücknehmen. Nur schlau sein kann sie nicht mehr. So fragen die Untreuen: Sind die Treuen nicht doch die Schlaueren?

für Slawophile

Putin hören und Druschba! rufen. Erstaunliche Zeiten. Als es früher Druschba! hieß, da hatten nur die Schwärmerischsten unter den DDR-Staatsnahen Tränen in den Augen. Heute spenden selbst die kältesten der ehemaligen Krieger dem russischen Präsidenten gerührten Beifall. Die Slawophilen freuen sich: Der zarte russische Akzent, halb schüchtern, halb verschmitzt vorgebracht, wirkt Wunder.

für Anglophile

Die Amerikaner sind von Terroristen getroffen worden - und plötzlich waren alle anglophil. Dann regten sich die Ängste: Was tun die Cowboys jetzt? Jetzt tun die Cowboys nicht, was die Antiamerikaner wussten, dass sie es täten. Sie bomben nicht, sie schmieden stattdessen Allianzen. Und sie drängen die Israelis an den Verhandlungstisch mit den Arabern. Die Cowboys sind gar keine Cowboys, und die Anglophilen freuen sich wie die Slawophilen über eine wunderbar sachte Woche - die vergangene.

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