Meinung : Was hat die Woche gebracht …

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... für Realpolitiker

Zuerst waren die Kameras in Erfurt. Dann kam der Ministerpräsident (CDU) und gab Interviews. Mitgefühl und Ratlosigkeit, was soll man sagen. Dann kamen der Bundeskanzler und sein Innenminister (beide SPD) und einen Tag darauf der Kanzlerkandidat (CSU) und seine Schwesterparteichefin (CDU). Nun also zu den Konsequenzen, dafür sind ja die Politiker zuständig. Die Kameras und die Mikrofone sind auf sie gerichtet, sie möchten, nein: sie müssen kompetent und konsequent erscheinen. Also: Wir müssen uns um die Heranwachsenden mehr kümmern! Wir müssen das Waffengesetz verschärfen! Wir müssen die Gewaltdarstellung eindämmen! Was wird wohl die Konsequenz aus all den Konsequenzen sein? Können Politiker den Irrsinn verhindern? Können sie nicht. Sie können ja noch nicht mal den Besitz von Waffen gänzlich verbieten. So konsequent mag jedenfalls keiner sein.

... für Revoltesimulanten

Waffen? Wozu Waffen? Es gibt doch Pflastersteine. Und Autos kann man mit bloßen Händen umschmeißen. Und Scheiben kann man mit dem Knüppel zerdeppern. Wenn es darum geht, die Revolution zu simulieren, sind die einfachsten Mittel effektiv. Egal, welche Strategie sich die Gewaltpräventionisten ausgedacht haben – wer Krawall will, kann ihn am 1. Mai bekommen. Wenn die Polizei mal defensiv in den Feiertag geht, kann man hinterher nicht so toll die Schuld aufs gewalttätige Schweinesystem schieben. Aber was soll’s, hat ja trotzdem irre Spaß gemacht.

... für Urlauber

So ein Urlauber ist ja auch nur ein Verbraucher. Und also der Gebeutelte: Auf Mallorca soll man jetzt täglich einen Euro Öko-Steuer zahlen, egal ob man die Sangria-Flasche getrennt von der Sonnenöl-Tube entsorgt oder nicht. Und wer nun, kurz vor der Reise, von der neuen Steuer erfahren hat und sagt: Nö, da fahr’ ich lieber in die Ukraine, dem muss der Reiseveranstalter nicht mal das Reisegeld zurückgeben. Da fährt man doch lieber überhaupt nie weg und streikt daheim.

... für Arbeiter

50 000 von ihnen sollen ab Montag mal freimachen. Das hat die IG Metall ihren Mitgliedern in Baden-Württemberg empfohlen, damit die Betriebe mehr als die angebotenen 3,3 Prozent auf den Lohn drauftun. Weil die Gewerkschafter irgendwie aber auch einen Blick fürs Großeganze haben, wollen sie nicht wenige Betriebe lange, sondern viele kurz bestreiken lassen. „Flexi-Konzept“ heißt das. Streikwillige, die sich auf einen längeren Urlaub eingestellt haben, sind von so viel Modernismus bitter enttäuscht.

... für Pflanzen

Der Mensch zerstört den Regenwald. Er meint, er sei gut, wenn er statt Tierfleisch Pflanzenmark vertilgt. Gnadenlos rupft er Grünzeug aus dem Boden, das er als Unkraut bezeichnet. Zuweilen meint es der Mensch auch mal erstaunlich gut mit der grünen Kreatur. Mit dem Titanwurz zum Beispiel. Sechs Monate haben englische Biologen eine solche Riesenknollenpflanze gehegt und gepflegt. Dabei wussten sie, was ihnen blüht: Der Titanwurz gilt als Pflanze, deren Blüte so ekelhaft stinkt wie sonst eigentlich gar nichts auf der Welt. Kenner sprechen von einem Bukett, das an verwesendes Fleisch und Exkremente erinnert. Am Donnerstag war es so weit: Die Blüte öffnete sich, es stank infernalisch – und die Biologen freuten sich über das Wohlergehen des Superstinkers. Floristisch betrachtet war die Woche erfreulich.

... für Tiere

Der Titanwurz stinkt so ekelhaft, weil diesen Gestank Insekten mögen, die wiederum dem Wurz beim Fortpflanzen behilflich sind. Den Biologen allerdings war das total schnuppe. Ihnen ging es nicht ums Wohl der Genießer. Die Ehrgeizlinge ließen keine Tiere zur Pflanze vor, sondern kümmerten sich höchstselbst um die Bestäubung. Die Fauna ist empört: Naserümpfende Zweibeiner im Biologenrock sind wirklich das Allerletzte. David Ensikat

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