Meinung : Was hat die Woche gebracht…

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Deutschland ist nicht Frankreich. Dort wurden schon Synagogen angezündet; eine Folge der Gewalt im Nahen Osten. Dennoch sind Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen auch bei uns auf einem neuen Höchststand. 127 Anschläge wurden allein im ersten Quartal dieses Jahres gezählt, der größte Teil davon ausgerechnet im Law-und-Order-Land Bayern. Wer wollte da noch gerne Innenminister für Deutschland werden?

. . . für Salon-Antisemiten

Der größte Teil der Anschläge geht wohl auf das Konto arabischer Muslime. Da vermengen sich Antiisraelismus und Antijudaismus. Antisemitisch jedenfalls kann man die Angriffe schwerlich nennen, sind doch auch die Araber Semiten, weil sie sich ebenfalls vom alttestamentarischen Stammvater Sem herleiten. Auch in der Politik verwirren sich die Begriffe. Mancher wirft Möllemann Antisemitismus vor, der ist aber eher ein Antiisraelit. Andererseits hatte schon Ignaz Bubis am Ende seines Lebens festgestellt, dass in den so genannten besseren Kreisen vermehrt antisemitische Töne zu hören seien. Die suchen sich jetzt ein Ventil in antiisraelischen Äußerungen. Es mussten Wochen bis zum Parteitag vergehen, bis die FDP-Spitze den Möllemanns und Karslis eine eigene Position entgegensetzte. Es war Graf Lambsdorff und der mit Austritt drohenden Hildegard Hamm-Brücher vorbehalten, die Zweifel am Kurs der FDP auszuräumen. Die FDP versucht mit „radical chic“ Jungwähler anzuziehen. Ihr Gewissen jedoch verkörpern die Alten.

. . . für Arbeitnehmer

Außerhalb ihrer eigenen Klientel genießen die Gewerkschaften keinen besonders guten Ruf. Als Dinosaurier, unbeweglich und unflexibel werden sie oft bezeichnet. Das wollte die IG-Metall nicht auf sich sitzen lassen und hat den Arbeitskampf mit der Flexi-Streik-Strategie begonnen. Jeden Tag ist ein anderes Unternehmen dran. So kann kein Firmenlenker seine Verluste auf die Gewerkschaft schieben. Und auch mit Aussperrungen wird es wohl nichts werden. Damit ist der Arbeitskampf für die Gewerkschaft billiger als sonst und kann länger durchgehalten werden. Verstehen eben doch etwas vom Wirtschaften, die Gewerkschafter.

. . . für Arbeitgeber

Die Mitbestimmung in Deutschland macht es schwer, sich plötzlich spinnefeind zu sein. Eben noch hat man gemeinsam Pläne für die Zukunft des Unternehmens entworfen, und plötzlich sollen die Arbeitnehmer dem eigenen Unternehmen schaden, um die Chefs zum Einlenken zu bewegen. Bei Metall König, dem Betrieb des Verhandlungsführers der Metallarbeitgeber in Baden-Württemberg, hat man den Gewissenskonflikt kreativ gelöst: Wer streiken wollte, nahm sich frei und wird den versäumten Tag später nacharbeiten. Da sollen die Arbeitgeber noch einmal auf die deutsche Konsensdemokratie schimpfen!

. . . für Provokateure

Ebenso konsensfixiert wie die Deutschen sind die Holländer. Modernisierung, Liberalisierung, Wirtschaftsaufschwung – alles von Parteien, Gewerkschaften und Arbeitgebern gemeinsam erarbeitet. Einer wollte da nicht mitmachen: Pim Fortuyn. Der medienwirksame Rechtspopulist mischte den Wahlkampf mit ausländerfeindlichen Sprüchen auf. Jetzt ist er ermordet worden - Fortuyn hatte keinen Personenschutz gewollt. Trotz seiner Provokationen glaubte auch der Populist, dass ein politischer Mord in der Konsens-Demokratie unmöglich sei. Ein tödlicher Irrtum.

. . . für Konsens-Politiker

Wim Kok, der zurückgetretene niederländische Regierungschef, ließ es sich nicht nehmen, Fortuyn nach seinem Tod wieder aufzunehmen in die große Koalition der Wohlmeinenden. Angesichts des Schocks, den die Nation erlitten hat, erwiesen sich die Vorteile seiner vielleicht langweiligen, aber tröstenden Umarmungspolitik. Ein Sieg über den Stil Fortuyns, auf den Kok gerne verzichtet hätte. Clemens Wergin

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