Meinung : Was im Kopf bleibt

Bildungsstandards sorgen für Systemwechsel an den Schulen

Anja Kühne

Was deutsche Schüler nicht alles wissen und können! Glaubt man den Lehrplänen für die Schule, müssten die Klassenzimmer voll von kleinen Humboldts und Marie Curies sein. Doch wer glaubt schon noch den Lehrplänen? Spätestens seit dem Pisa-Schock steht fest, dass es sich nur um Papiertiger handelt. In den Lehrplänen hat die Gesellschaft 200 Jahre lang all ihre Bildungswünsche für die nächste Generation formuliert. Und weil es heute mehr zu wissen gibt als früher, wurden die Lehrpläne immer voller mit Spezialwissen. So sind sie als Leitfaden für die Lehrer längst unbrauchbar geworden. Die aufgeblasenen Curricula taugen bestenfalls als Ausstellungsstücke für das Deutsche Historische Museum. An ihnen könnte der Besucher etwas über die ehrgeizigen Phantasien von Politikern und Eltern und Schulbehörden einer bildungshungrigen Nation erfahren – wohl kaum aber etwas über die Realität an den Schulen.

Das haben die Kultusminister erkannt. Sie sind dabei, sich auf bundesweite Bildungsstandards zu einigen, die die Lehrpläne ergänzen oder ersetzen sollen. Was ist besser an den Bildungsstandards als an den Lehrplänen? Die Standards beschreiben, was ein Schüler nach einem bestimmten Bildungsabschnitt können muss. Hier geht es nicht um ein detailliertes Programm – die Lehrer werden ihre pädagogische Freiheit behalten – oder um auswendig gelernte Fakten, die schon bei der nächsten Klassenarbeit vergessen sind. Es geht um die Fähigkeit, Probleme zu lösen, um methodische und auch um überfachliche Kompetenzen. Damit die Lehrer wissen, wo ihre Schüler stehen, werden ihnen Musteraufgaben gleich mitgeliefert. Denn die Bildungsstandards orientieren sich nicht – wie die Lehrpläne – am Input, sondern am Output.

Das wird der Qualität des Schulwesens gut bekommen. Bis jetzt hat ein Lehrer gar keinen Maßstab außerhalb seiner eigenen Klasse oder Schule, an dem er seine Schüler messen könnte. Eine Klasse in Berlin-Neukölln mag leistungsschwache, -starke und mittelmäßige Schüler haben. Doch möglicherweise ist die Spitzengruppe aus Neukölln gerade mal so gut wie die Schlusslichter einer Klasse in Berlin-Zehlendorf – ohne dass der Neuköllner Lehrer das überhaupt wissen kann. Mit den Bildungsstandards wird nicht nur der Vergleich zwischen Schulen, sondern auch zwischen Bundesländern möglich. Schließlich hatte Pisa zwischen den Schulen und Ländern Leistungsunterschiede von bis zu zwei Jahren aufgedeckt.

Und noch etwas können die Bildungsstandards leisten. Bislang gelingt es der deutschen Schule kaum, Migrantenkinder und Kinder aus sozial schwachen Familien auf ein akzeptables Niveau zu bringen. In den Bildungsstandards sind fortan Mindestanforderungen formuliert. Wer sie beherrscht, hat im Leben vielleicht doch eine Chance.

Die Pläne der Kultusminister geben Anlass zu der Hoffnung, dass die deutschen Schulen in zehn Jahren wieder international wettbewerbsfähig sind.

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