Meinung : Was kleine Menschen wirklich brauchen

Nicht Quantität, sondern Qualität ist der Maßstab guter Erziehung Von Richard Schröder

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Große Aufregung über die Absicht der Familienministerin, die Krippenplätze im Westen zu erhöhen. Die einen sehen die Familie in Gefahr oder gar eine Entwürdigung der Frau. Andere befürchten, die Erziehung werde verstaatlicht, wie in der DDR. Auf der anderen Seite wird befürchtet, die Gleichberechtigung der Frau solle widerrufen werden.

Darf ich mal meine Erfahrungen vortragen? Meine Mutter war ihr Leben lang Hausfrau und eine schönere Kindheit als die meine kann ich mir gar nicht vorstellen. Man kann aber nicht behaupten, dass sie nicht berufstätig war. Wir waren sechs Kinder, dazu die Großmutter, die pflegebedürftig wurde und eine Tante, die sie pflegte. Am Mittagstisch saßen täglich bis zu zehn Personen. Kindergarten? Wir waren doch zu Hause Kinder genug. Und unsere Spielkameraden fanden wir in der Nachbarschaft. In der Apotheke waren wie bei den Handwerkern und Bauern im Ort Arbeitswelt und Wohnwelt noch eines. Auch der Vater war also immer in der Nähe, wenn auch sehr beschäftigt. Ich selbst habe zwei Kinder. Sie waren halbtags im Kindergarten, nicht weil wir den DDR-Kindergarten so fantastisch fanden, sondern damit sie auch in der Vorschulzeit Erfahrungen mit Gleichaltrigen machen. Es gab keine Spielkameraden in der Nachbarschaft, die waren alle im Kindergarten.

Als Einzelkind aufzuwachsen ist keineswegs ideal. Es hat nämlich nicht die Anschauung von seinesgleichen, sondern steht allein schroff der Welt der Erwachsenen gegenüber. Und die Eltern, die sich um ihr einziges Kind kümmern, können durchaus auch zu viel des Guten tun. Es ist für Kinder gar nicht gut, zu sehr im Mittelpunkt der Fürsorge zu stehen. Zweite und dritte Kinder wachsen in der Regel unkomplizierter auf, weil sie in den älteren Geschwistern ihre Rolle vor Augen haben. Sie bilden eine eigene kleine Welt neben der der Erwachsenen. Was tun, wenn man nur ein Kind hat? Um des Kindeswohls willen für Umgang mit Gleichaltrigen sorgen! Eine Mutter mit einem Kind, die in einer von der Arbeitswelt getrennten Wohnung aufeinander hocken, das ist eine Karikatur auf „Familie“ und keineswegs die optimale Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung des Kindes. Das ist, verglichen mit der Familie, in der ich aufgewachsen bin, eine realitätsarme Welt, im schlimmsten Fall der Nährboden für Neurosen.

Dass durch zusätzliche Kinderkrippen die Erziehung verstaatlicht werde, stimmt außerdem nicht. Die freien Träger, darunter die Kirchen, können doch hier tätig werden und die besseren Konzepte entwickeln. Mal ran an die Arbeit!

Die DDR eignet sich hier als abschreckendes Beispiel nur sehr begrenzt. Empirische Untersuchungen über das „erinnerte elterliche Erziehungsverhalten im Ost- West-Vergleich“ haben nämlich ergeben, dass dieses im Osten positiver ausfällt als im Westen (so etwa Kerz-Rühling, Plänkers, Sozialistische Diktatur und psychische Folgen, Tübingen 1999). Es ist ein materialistisch-mechanistischer Fehlschluss, das Quantum der von Eltern und Kindern gemeinsam verbrachten Zeit sei entscheidend. Entscheidend ist die „Qualität“ der Zuwendung. Auch Kleinkinder erleben keineswegs eine Vernachlässigung, wenn der Morgen und der Abend und das Wochenende Familienzeiten sind. Übrigens: bei sechs Kindern hatte meine Mutter für jeden von uns verständlicherweise wenig Zeit. Das war kein Nachteil. Sie musste uns nicht die Welt erklären. Wir merkten von selbst, wie dieser kleine Kosmos funktionierte. Und das ist immer noch die beste Erziehung.

Der Autor ist Theologe an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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