Meinung : Was macht die Welt?

Krokodile füttern, Bärte tragen und falsche Signale senden

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Vier Fragen an Josef Joffe

Al Qaida hat angekündigt, keine Anschläge in Spanien mehr zu verüben, falls der neue Premier Zapatero Wort hält und spanische Truppen aus dem Irak abzieht. Kann man mit Al Qaida also verhandeln?

Das ist ein merkwürdiger Gebrauch des Wörtchens „verhandeln“. Erst mordet mein „Verhandlungspartner“ 200 Unschuldige, und dann sagt er: Wenn du fürderhin tust, was ich will, werde ich auf weitere Massaker verzichten. Das nennt man nicht „verhandeln“, sondern „erpressen“. Das Problem mit Erpressung, wie wir aus der gewöhnlichen Verbrecherwelt wissen, ist die Dauerhaftigkeit derselben. Wer einmal die Unterwerfung anbietet, lädt mit der so demonstrierten Schwäche zur Wiederholung der Gemeinheit ein. „Wie wär’s mit der Aufgabe von Ceuta (dem spanischen Besitz in Marokko)?“, könnte das nächste „Angebot“ der Islamo-Terroristen sein. Churchill hat alles Notwendige zu dem Problem gesagt: „Ein Appeaser füttert das Krokodil in der Hoffnung, dass er als letzter gefressen wird.“

US-Außenminister Powell hat Pakistan gerade zum „wichtigen Verbündeten“ heraufgestuft. Dabei hat das Land wie kein anderes Atomwaffentechnik exportiert – etwa nach Iran, Libyen und Nordkorea. Alles nicht so schlimm?

Ohne jegliche Gewähr präsentiert „Was macht die Welt“ als Erklärung dieser merkwürdigen Milde die These des US-Geheimdienstexperten Seymour Hersh im „New Yorker“ vom 8. März. Anders als die sog. Geheimdienst- und Terrorexperten, die im deutschen Fernsehen auftreten, ist Hersh wirklich einer und er sieht den folgenden Deal: Die USA verzichten (vorläufig?) auf Vergeltung, weil sie Pakistans Erlaubnis brauchen, Bin Laden mit eigenen Spezialkräften auf pakistanischem Boden zu jagen. (Dies hat Präsident Musharaf bislang striktement verwehrt.) Für Hershs These spricht, dass just jetzt eine großangelegte Aktion gegen Bin Ladens Nr. Zwei, Zawahiri, in Pakistan abläuft. „Was macht die Welt“ wettet: Da sind auch bärtige, Paschtun sprechende Amis mit dabei.

Im Kosovo bricht der alte Konflikt zwischen Serben und Albanern wieder auf. Hätte Europa genauer hinschauen müssen?

Eine solche Frage ist immer richtig, und die Antwort lautet immer „Ja“. Es mag auch sein, dass der internationale islamistische Terror dort eine weitere Front aufbaut. Auf jeden Fall: Der Balkan ist nur scheinbar befriedet, und die realistische Diagnose besagt, dass dieser Teil Europas ein Protektorat der EU und der Nato bleiben wird – ohne absehbares Ende.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Das Wall Street Journal (vom Freitag) zitiert einen hohen, aber anonymen deutschen Beamten wie folgt: „Wenn man eine große Bombe in Europa hochgehen lässt und so eine europäische Regierung stürzen und den Abzug von Truppen erzwingen kann, dann ergibt das ein falsches Signal an die Terroristen.“ Er fügte hinzu: „Dies ist nicht im Interesse Deutschlands, Europas oder Spaniens.“ Der Mann hat Recht. Aber schade, dass er sich nicht getraut hat, dies „on the record“ zu sagen.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen clw

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