Meinung : Was macht die Welt?

Böcke, Gärtner und die Elefanten der Demokratie

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Vier Fragen an Josef Joffe

In Vietnam haben Bilder von Kriegsverbrechen, in Somalia Fotos von USOpfern die Stimmung gegen den Krieg gekippt. Haben die Folter-Dokumente ähnliche Folgen für Amerikas Irakpolitik ?

Die Amerikaner wissen, anders als die hiesigen Medien, sehr wohl zwischen „Folter“ und „Misshandlung“ (abuse) zu unterscheiden. „Folter“ sind unerträgliche Schmerzen bis zum Tod, wie es Gestapo und NKWD mit ihren Opfern gemacht haben; was in Irak geschehen (bzw. auf Bildern zu sehen) ist, sind Erniedrigung, Bedrohung und SM-Rituale (der Gefangene an der Leine der jungen Soldatin). Trotzdem haben sich Präsident und Verteidigungsminister klaren Wortes entschuldigt und rechtliche Schritte eingeleitet, was dem Moralgefühl der Amerikaner entgegenkommt, die diesen Krieg für gerecht, ohne sich selber für unfehlbar zu halten. „WmdW“ glaubt nicht, dass die Stimmung kippt – umso weniger, als Bushs Rivale Kerry umfragemäßig keinen Fuß auf den Boden kriegt.

Die Wahlen in Indien, der größten Demokratie der Welt, dauern seit 19. April, ausgezählt wird ab 13. Mai. Wofür braucht man so viel Zeit: um die Urnen zu kontrollieren?

Ich bitte Sie: Indien ist ein riesiges Land, ja ein kleiner Kontinent mit einer Bevölkerung von einer Milliarde Menschen. Von Garmisch nach Flensburg kann man in einem Tag fahren, von der Südspitze Indiens bis an den Himalaja braucht man viele Wochen, jedenfalls auf einem Elefanten, und mindestens zwei im Jeep. Stellen Sie sich vor, Deutschland reichte von Madrid bis Moskau; dann hätten ARDZDF nach einer Woche nicht einmal eine Hochrechnung. Bitte etwas mehr Respekt vor Indien, der einzigen postkolonialen Demokratie der Welt – und mit einer Küche, die besser ist als die der einstigen britischen Herrscher.

Afrika wählt Sudan, wo Bürgerkrieg herrscht, in die UN-Menschenrechtskommission, 2003 gab es Libyen den Vorsitz. Warum macht man den Bock zum Gärtner?

Wahrscheinlich, weil der Bock den Garten so gut kennt. Außerdem sind all die Länder, die dem Bock den Vorzug geben, selber Böcke, gibt es doch keinen afrikanischen Staat außer Südafrika, dem wir den Titel „Rechtsstaat“ verleihen würden. Also: Erstens gibt es nur Böcke, und zweitens fühlen sich Böcke am wohlsten unter ihresgleichen. Stellen wir uns vor, der Vorsitz und die Mehrheit der UN-Menschenrechtskommission gingen an blütenweiße Demokratien, die sich dazu aufschwüngen, die Blutrunst von Sudan usw. zu geißeln. Es gäbe nichts als Unfrieden in einer Institution (UN), die allein dem Frieden und nicht etwa Interessen dient.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Es wird derzeit immer schwieriger, etwas zur deutschen Außenpolitik zu sagen, weil a) diese Regierung hauptsächlich gegeneinander agiert und deshalb b) weder innen- noch außenpolitisch handlungsfähig ist. Welches Gewicht soll ein Land in der Welt haben, wo die Existenzfragen um Flaschenpfand und MwSt.-Punkte kreisen?

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen cvm

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