Meinung : Was macht die Welt?

Glückliches Europa – und ein kleinlicher Chirac

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Die Menschen freuen sich auf die Europameisterschaft, nur wenige gehen zur Europawahl. Bringt der Fußball Europa mehr voran als die Politik?

Welche Menschen? Die Portugiesen trauern schon heute über ihre Niederlage in der EM, gar den frühen Rausschmiss, dito die Deutschen. „Was macht die Welt“ aber glaubt nicht an die magische Verbindung zwischen Fußball und Schicksal. Das sind zwei getrennte Veranstaltungen, auch wenn das Berner weiland mit dem Wirtschaftswunder zusammenfiel. Überdies muss der deutsche Mensch endlich aufhören, eine niedrige Wahlbeteiligung als Zeichen von übler Laune misszuverstehen. Die Leute gehen nicht zur Europawahl, weil sie mit Europa im Großen und Ganzen zufrieden sind (800 Käsesorten in jedem Supermarkt, Flüge nach Faro für 18,24 Euro). Und deshalb glauben sie auch nicht, bis zum letzten Mann wählen zu müssen. Nur hochpolarisierte, also nicht sehr glückliche Gemeinwesen, glauben an die Schicksalhaftigkeit von Wahlen.

Wem brachte die transatlantische Woche (D-Day, G 8) den größten Nutzen: den Kriegsgegnern oder dem Kriegsherrn Bush?

Wieder so eine Frage wie „Wie viele Engel können auf einem Stecknadelkopf tanzen?“ Natürlich haben alle gewonnen, wie es sich für solche medialen Giga-Events gehört. Chirac hat wieder mit kleinen Stichen gegen Bush französische Größe zu markieren versucht, dieser sonnte sich mit neuem multilateralistischen Elan in der westlichen Gemeinschaft, und Schröder konnte den staatsmännischen Auftritt zelebrieren. Schade, dass ihnen allen aber gleich danach das Reagan-Staatsbegräbnis die Show gestohlen hat.

Die USA wünschen sich die Nato im Irak. Was könnte die Allianz dort leisten?

Militärisch kann diese Allianz überhaupt nix leisten; siehe ihre Überdehnung in Afghanistan und sinkende Militärbudgets allenthalben. Aber wie jede internationale Organisation kann die Nato Legitimität in den Irak exportieren, den Terroristen und Baathisten signalisieren, dass sie sich nicht nur gegen das eigene Volk, sondern auch gegen einen wichtigen Teil der Staatengemeinschaft stellen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik ...

Ein Lob für Schröder, ein Tadel für seinen Busenfreund Chirac. Unser Bundesgerd hatte die Größe, zum Reagan-Begräbnis nach Washington zu fliegen, Chirac hatte sie nicht (wahrscheinlich, weil man ihm in der National Cathedral in Washington nur einen Platz in der dritten oder vierten Reihe angeboten hatte). Das ist keine Grandeur, sondern Petitesse, das Zeichen einer Economy Macht, die um jeden Preis Business fliegen will, aber nicht genügend Miles&More-Punkte besitzt.

Josef Joffe ist Herausgeber und Chefredakteur der „Zeit“. Fragen:cvm

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