Meinung : Was macht die Welt?

Alle Macht den Putinisten – und so klein ist Europa

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Droht der Irak in einen Bürgerkrieg abzugleiten?

Das ist der falsche Begriff für die Gewalt, die derzeit im Irak wütet. Es sind keine Bürgerkriegsparteien (wie etwa die Roten und Weißen in Russland 1917 ff) im Spiel, sondern die alten Saddam Getreuen und der Islamo-Terrorismus unter Führung von Abu Musad al-Sarkawi, die Nr. 2 der Al Qaida. Im Hintergrund mischen Syrien und Iran mit. Man beachte: Die Schiiten sind (noch) keine Kriegspartei; dort kämpft der unter den älteren Ajatollahs höchst unbeliebte Muqtada al Sadr um die Vorherrschaft im eigenen Lager. Auch die Kurden halten sich zurück. Richtig interessant wird es erst werden, wenn die Amerikaner a) die Saddamisten niedergekämpft und/oder b) das Land verlassen haben werden. In beiden Fällen werden sich die Herren Kurden und Schiiten (die größte Bevölkerungsgruppe) kräftig zu Wort melden, um ein großes Stück der Macht an sich zu reißen.

Als Reaktion auf den Anschlag von Beslan fordert Putin nun mehr Macht. Mehr Macht wozu?

Welche Frage! Der Mann benutzt Beslan als Vorwand. um die Kremlinisierung Russlands voranzutreiben, also: alle Macht dem Putin. Deshalb will er die Landes-Gouverneure (die bislang gewählt werden) selber einsetzen und die Wahlregeln für die Duma so ändern, dass es „Do swidanja“ heißt für Unabhängige und Liberale. Die Wirtschaft hat er sich schon unterworfen; jetzt kommt die Gleichschaltung der Provinzen und der Duma. Wozu? „Es lebe Wladimir I., Gründer der Putinistischen Föderation Russland“. Was haben wir von diesem KGB- Mann auch erwartet? Dass er den Theodor Heuss oder Thomas Jefferson spielt?

Erst hieß es, Joschka Fischer habe bereits genug Stimmen für einen deutschen UN-Sicherheitsratssitz zusammen. Nun wiegelt er ab. Wird doch noch was draus?

„Was macht die Welt“ will wieder einmal „Ach, Joschka“ seufzen. Er will eine Mehrheit der knapp 200 Mitglieder in der Tasche haben? Und das Veto der fünf Permanenten im Sicherheitsrat gebannt haben? Natürlich wiegelt er ab, muss er auch. Deutschland hat wirklich andere Probleme, die derlei Windmühlenritte verbieten sollten.

Ein Wort zu Amerika …

Auch wenn man schon hundert Mal in Amerika war, ist man doch immer wieder überrascht, wie klein Europa im hiesigen Bewusstsein ist. Die New York Times, zum Beispiel, immerhin eine der drei besten Zeitungen (neben Wall Street Journal und Washington Post) hatte am Freitag auf sechs Seiten Außenpolitik nur zehn Zeilen über Europa: acht über Friedensgespräche in Nordirland, zwei über die Wiedereröffnung des Eiffelturms nach einem Drei-Tage-Streik. Europa scheint langweilig geworden zu sein – bis auf die BMWs (Abzeichen für Aufsteiger) und Volvos (als Pampers- Schleuder für Akademiker), die zuhauf durch Silicon Valley fahren.

Josef Joffe ist Herausgeber der „Zeit“ und lehrt bis Jahresende an der kalifornischen Stanford-Universität. Fragen: mos

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