Meinung : Was macht die Welt?

Muslime sollten genauer lesen, und Europa muss kreativer werden

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In der islamischen Welt wurden Bemerkungen des Papstes bei seinem Deutschland-Besuch verärgert aufgenommen. Musste sich Benedikt XVI. entschuldigen?

Wofür? Der inkriminierte Satz („zeig mir doch mal, was Mohammed Neues gebracht hat …“) ist erstens nicht von Benedikt, sondern in einem jener Dispute gefallen, die 1391 en vogue waren und wo die Theologen kräftig gegeneinander vom Leder zogen. Benedikt nannte den Satz des christlichen Kaisers auch „erstaunlich schroff“, was die gebotene Distanzierung herstellt. Schließlich war das nur Einleitung für die eigentliche Botschaft: keine Missionierung durch Gewalt. Dagegen kann weder Christ noch Muslim sein, obwohl beide in der Geschichte kräftig mit dem Schwert nachgeholfen haben, um den Glauben zu verbreiten. Die Eiferer wider den Papst – haben sie den Kontext der Regensburger Rede gelesen? Dann hätten sie nicht so reagiert. Weshalb man die religiöse Empfindsamkeit auf ihren harten politischen Kern abklopfen sollte. Den Konservativen ist der kommende Papst-Besuch in der Türkei, der erste von Benedikt in der islamischen Welt, ein Stachel im Fleische. Kein Wunder, dass die türkischen Hardliner als Erste protestiert haben. Der politische Zweck: entweder diese Reise torpedieren oder dem Papst eine Unterwerfungsgeste abzwingen.

Zuerst sah sich der Westen durch den Aufstieg Japans bedroht, dann durch den der Tigerstaaten, aktuell durch China, bald wohl durch Indien. Trotzdem geht’s uns gut. Alles nur Panikmache?

Ein bisschen Panik, solange sie nicht lähmt, ist immer kreativ. Wir Westeuropäer werden von allen Seiten von Ländern bedroht, die noch lange sehr viel härter und billiger arbeiten wollen, bevor sie sich einen so großzügigen Sozialstaat zulegen wie wir hier. Das beginnt in Estland und zieht sich bis Vietnam und China. Nehmen wir die Konkurrenz auf. Das Alte Europa ist so müde nicht, und Talent gibt’s zuhauf.

Erstmals seit mehr als 60 Jahren wurden in Deutschland Rabbiner ordiniert. Was lehrt uns das?

Gar nichts. Aber ein wichtiger Markstein ist es, weil hier nach all diesen Jahren das Reformjudentum wiederbelebt wird, das in Deutschland erfunden und in Deutschland vernichtet/vertrieben worden ist, dann in Amerika und den Anglo-Ländern eine große Tradition weitergeführt hat. Der wundersame Neuanfang ist Kontinuität und Vitalität – da dürfen sich die Juden wie auch die Deutschen freuen.

Ein Wort zur deutschen Außenpolitik …

Die hat in der Libanonpolitik die Hühnerhaufen-Phase verlassen und dann sehr professionell gegenüber den Zumutungen aus Beirut reagiert (No-go-Zone, Erlaubnis einholen, bevor geentert wird). Jetzt kann der deutsche Verbandsführer effizient agieren – wenn die Flotille denn je in Schwierigkeiten gerät. Der Waffenschmuggel für Hisbollah läuft zu Lande ab.

P.S. Merkel hat gut getan, Benedikt zu unterstützen. Schließlich: Wir (alle) sind Papst, wie „Bild“ uns gelehrt hat.

Der Autor ist Herausgeber der „Zeit“. Fragen: mal

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