Meinung : Was rät der Elfenbeinturm?

Die Politik erwartet Rat von der Wissenschaft. Doch die sträubt sich gegen diese Rolle

Uwe Schlicht

Die Testfrage stellte ein Journalist: Angenommen, die Bundesregierung möchte in den nächsten zwei Jahren ein langfristiges Konzept für die Energieversorgung in Deutschland beschließen. Ein Jahr benötigt sie für die Vorbereitung des Gesetzes, ein weiteres Jahr gibt sie der deutschen Wissenschaft zur Klärung der Frage, welche Rolle künftig die Kernenergie, die Wasserkraft, die Kohlekraftwerke und die Energiegewinnung aus Windrädern sowie aus anderen erneuerbaren Energien spielen sollen. Wären die deutschen Akademien der Wissenschaften in der Lage, den Politikern innerhalb eines Jahres einen so umfassenden Rat zu geben?

Die Union der deutschen Akademien weiß, dass Politiker seit Jahren über eine nationale Akademie nachdenken, weil sie von der Wissenschaft präzisen Rat erhoffen. Als von den sieben deutschen Akademien erwartet wurde, sich zur Idee der Neugründung einer nationalen Akademie zu verhalten, lag diese Testfrage in der Luft. Einer der Sprecher der Union, der Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Peter Graf Kielmannsegg, beantwortete die Testfrage mit einem „Nein!” Die Politiker könnten nicht einseitig die Vorgaben festlegen, unter welchen Bedingungen Wissenschaftler Rat erteilen sollen. Ganz davon abgesehen, dass sich so umfassende Fragen nicht innerhalb eines Jahres beantworten ließen. Ein Konvent der deutschen Wissenschaft, dessen Gründung die Union der Akademien vorschlägt, könnte lediglich zu Einzelfragen Arbeitsgruppen einsetzen, deren Berichte entgegennehmen und entscheiden, welche dieser Berichte an die Politik weitergegeben werden.

Die Akademien der Wissenschaften und der von ihnen befürwortete Konvent verstehen Politikberatung als eine abgehobene Sache. Graf Kielmannsegg: „Primär geht es nicht darum, auf Fragen, die die Politiker vorgeben, zu antworten, sondern sich selber das Recht zu nehmen, eine Zukunftsfrage auf die Tagesordnung zu setzen, bevor die Politik dieses Feld entdeckt hat.”

Die Antwort zeugt von einem Rollenverständnis, das zwar in Jahrzehnten eingeübt, aber in dieser Einseitigkeit nicht mehr zeitgemäß ist. Seit dem Ende der Bildungsexpansion klagen Repräsentanten der Universitäten und der deutschen Wissenschaft über den Liebesentzug, der ihnen von Politikern und der Gesellschaft zugemutet wird. Erst seit der Pisa-Debatte entdecken die frustrierten Pädagogikprofessoren einen Silberstreifen am Horizont: Die deutschen Schulen sind so weit ins Abseits geraten, dass ihre Reform ohne eine Aufwertung der Erziehungswissenschaften unerreichbar erscheint. Noch ein weiteres Ereignis fördert den Meinungsumschwung: Die von der Bundesregierung entfachte Diskussion über Eliteuniversitäten hat eine bundesweite Debatte über die Unterfinanzierung der deutschen Universitäten ausgelöst.

Nach Jahrzehnten der Verdrängung bildungspolitischer Themen auf die hinteren Seiten der Zeitungen bieten seit dem Pisa-Schock und der Elitediskussion diese Themen wieder den Stoff, aus dem Leitartikel gemacht werden.

Doch die ersehnten Spitzenplätze der Aufmerksamkeit haben auch eine Kehrseite, die heute noch kaum ein Wissenschaftler sieht: Erfüllen die Professoren die Erwartungen nicht, die mit der neuen Hinwendung zum wissenschaftlichen Sachverstand von der Öffentlichkeit gehegt werden, dann wird die deutsche Wissenschaft tiefer fallen als zuvor. Mit einer abgehobenen Wissenschafts- und Bildungsberatung, die allenfalls im Elfenbeinturm der Universitäten ein Refugium hat, sind die hoch gespannten Erwartungen auf eine bessere Zukunft mit Hilfe der Wissenschaft nicht einzulösen. Die Politik wartet auf die Rürups oder Baumerts (Pisa), die sich mit Vorschlägen in die Debatte einbringen. Wissenschaftler, die dazu bereit sind, gehen allenfalls das Risiko ein, dass ihre Nerven im Meinungsstreit strapaziert werden. Das war in Diktaturen und autoritären Regimen anders: Damals waren viele deutsche Wissenschaftler nur allzu bereit, sich den Herrschenden anzudienen. Hätten sie es nicht getan, wäre ihre Karriere zu Ende gewesen.

Es muss für deutsche Wissenschaftler doch noch einen dritten Weg geben zwischen Hure der Politik und Zuflucht im Elfenbeinturm.

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