Meinung : Was sie nicht hören wollen Von Christoph von Marschall

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Der Zugang zu verlässlichen Informationen ist eine Grundbedingung für vernünftiges Urteil und rationales Handeln. Doch Kommunikationswissenschaftler können mit unzähligen Studien belegen, dass Menschen am liebsten lesen und hören, was sie in ihren längst gefassten Meinungen bestärkt – und verdrängen, was im Widerspruch dazu steht. Was zu George W. Bushs Bild vom Irakkrieg sowie dem Selbstbild der Muslime vom Friedens- und Fastenmonat Ramadan führt.

Der US-Präsident behauptet unbeirrt, der Irakkrieg habe die USA und die Welt sicherer gemacht. Auch kürzlich, zum fünften Jahrestag der Anschläge von 9/11 hat er es wiederholt. Da lag ihm längst der Bericht der amerikanischen Geheimdienste vor, der das Gegenteil belegt. Der islamische Terrorismus ist weltweit auf dem Vormarsch, und der Irakkrieg ist eine zentrale Ursache dafür. Hat Bush die Analyse erst gar nicht gelesen, oder verdrängt er, was nichts ins Bild passt?

Am Wochenende hat der Fastenmonat Ramadan begonnen, für Muslime offiziell eine Zeit religiöser Einkehr und besonderer Friedfertigkeit. Ob Kosovo- oder Afghanistankrieg: Stets haben Muslime vom Westen verlangt, alle Feindseligkeiten in dieser Zeit einzustellen, alles andere wäre eine Beleidigung ihrer religiösen Gebote. In Bagdad hat der Ramadan mit einem besonders grausamen Überfall von Muslimen auf Muslime begonnen. Sunniten, die sich „Soldaten des Propheten“ nennen, töteten mindestens 37 schiitische Frauen und Kinder mit Bomben und Feuer.

Wo bleibt der Aufschrei der islamischen Welt? In keinem der bewaffneten Konflikte mit islamischer Beteiligung der letzten Jahre haben Muslime Waffenruhe im Ramadan von ihren Glaubensbrüdern gefordert, nur vom christlichen Westen. Es ist ein generelles Muster vom Verhalten im Dialog der Religionen über den Karikaturenstreit bis zu den Papstäußerungen: Der Islam ist per Definition eine friedfertige und tolerante Religion. Was nicht ins Bild passt, wird verdrängt. Im besten Fall. Immer öfter wird gedroht: Wer daran zweifelt, dem schlagen wir den Schädel ein.

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