Meinung : Was Staub aufwirbelt

Der Rußfilter wird zum Allheilmittel für reine Luft in Städten erklärt – zu Unrecht

Ingo Bach

Grenzwerte signalisieren Sicherheit. Dioxin im Ei, Acrylamid in den Pommes, Blei im Trinkwasser – wir sind beruhigt, wenn der Anteil von Umweltgiften unter irgendeinem behördlich abgesegneten Grenzwert liegt. Schließlich macht ja erst die Dosis das Gift. Auch die Debatte um den Feinstaub in der Luft – gefährlich kleine Partikel, die bis in die Lungenbläschen und ins Kreislaufsystem vordringen und dort tödliche Krankheiten auslösen können – dreht sich um Grenzwerte. Die EU hat sie beschlossen: 50 Mikrogramm Staubkörnchen pro Kubikmeter Luft.

An nur 35 Tagen im Jahr darf dieser Wert überschritten werden. Also klagen die, die in Städten wohnen, in deren Straßen diese Messlatte gerissen wird. Die anderen klagen nicht, weil sie sich sicher fühlen. Eine falsche Sicherheit, denn eine Grenze zwischen gefährlich und ungefährlich gibt es beim Feinstaub nicht. Ist er da, dann schadet er. Je höher der Anteil, desto mehr schadet er. Die Grenzwerte der EU-Kommission waren ursprünglich viel schärfer. Im Laufe der jahrelangen Diskussion wurden sie immer weiter abgeschwächt. Der jetzige Wert zeigt das, was politisch machbar war – nicht das, was gesund wäre.

Die Debatte um den Feinstaub offenbart eine weitere trügerische Sicherheit: den Glauben daran, dass sich jedes Problem technisch lösen lasse. Nun ist es also der Partikelfilter für Dieselfahrzeuge, den die Fortschrittsgläubigen wie eine Monstranz vor sich hertragen. Das schicke Edelstahlding soll den Feinstaub da festhalten, wo er herkommt: im Auspuff. Und schon ist die Luft wieder sauber. Doch der Anteil des Dieselrußes am Feinstaub in der Luft liegt zum Beispiel in Berlin nur bei 20 Prozent. Davon wiederum verursachen Diesel-Pkw weniger als ein Viertel. Der Rest kommt aus den Auspuffrohren der Lkw. Kein Wunder, dass es in der Berliner Verkehrsverwaltung heißt, die abgasreduzierende Technik habe beim Problem Feinstaub eine eher geringe Wirkung.

Hier wurde ein Popanz aufgebaut, der dem Motto folgt: Schuld ist die Autoindustrie, die keine Rußfilter einbaut. Oder die Zulieferer, die nicht genügend Produktionskapazitäten aufgebaut haben. Und auch die Regierung, weil sie die Industrie nicht zum Handeln zwang. Alles nur, damit die Bürger das Auto nicht stehen lassen müssen.

Denn auch der Rußfilter ändert nichts an der Tatsache, dass das Auto generell Umwelt verbraucht. Von den 4200 Tonnen Feinstaub, die 2002 direkt in Berlin in die Luft geblasen wurden – ein Drittel der Gesamtbelastung weht von außerhalb in die Stadt – , stammten rund 400 aus den Autoabgasen. Über 1000 Tonnen entstanden aber dadurch, dass Pkw und Lkw das taten, wozu sie nun mal da sind: fahren. Zum Beispiel durch den Abrieb der Reifen, durch von der Straße aufgewirbelten Asphaltstaub oder durch abgeschabte Bremsbeläge. Setzte man an dieser Stelle an, wäre der Effekt zur Feinstaubminderung folglich am größten.

Deshalb kann die Strategie nur lauten: weniger Individualverkehr. Doch über Sonntagsfahrverbote oder autofreie Innenstädte diskutieren noch immer nur die Hardcore-Ökoaktivisten. Die Masse setzt weiter auf die Scheinsicherheit von Grenzwerten und technischen Finessen.

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