Meinung : Was tun gegen den Terror?: Katharsis am Hindukusch

Citha D. Maaß

In den altgriechischen Tragödien mündete der Leidensprozess, der von den Menschen nicht mehr ertragen werden konnte, in eine Katharsis. Das war ein Zustand der geistigen und emotionalen Reinigung, die den Weg für einen grundsätzlichen Neubeginn ebnete. Wenn wir täglich die Bilder der menschlichen Tragödie in Afghanistan sehen, dann ist auch in diesem von 23 Jahren Krieg zerstörten Land die Zeit für eine Katharsis gekommen. Wenn sich die vielfältigen Bemühungen der "Afghanistan Support Group", deren Vorsitz dieses Jahr Deutschland innehat, nicht in humanitärer Nothilfe erschöpfen, sondern zu dieser kathartischen Wende in Afghanistan führen sollen, dann müssen sie schon jetzt in einen umfassenden Plan eingebunden werden. Ein solcher politischer Plan müsste folgende Stufen umfassen:

Zum Thema Online Spezial: Kampf gegen Terror
Schwerpunkt: US-Gegenschlag, Nato und Bündnisfall
Schwerpunkt: Osama Bin Laden
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Schwerpunkt: Innere Sicherheit
Chronologie: Terroranschläge in den USA und die Folgen
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags 1. Phase: Maßnahmen, die das Taliban-Regime zusammenbrechen lassen. In diesem Prozess fehlt derzeit noch eine entscheidende Komponente: Aufstände gegen die Taliban in deren paschtunischem Kerngebiet. Damit würden die Paschtunen den Taliban nicht nur den letzten Rückhalt im Land entziehen, sondern sich auch eine wichtige Rolle in einer Übergangsregierung sichern. Und ohne eine Beteiligung dieser größten ethnischen Gruppe ist keine Übergangsregierung funktionsfähig.

2. Phase: In einer kurzen Übergangsphase wird mit einer sofortigen humanitären Großaktion auf der lokalen Ebene ein Machtvakuum und Chaos verhindert. Nahrung, Medikamente und Bekleidung müssen rasch zu den Bedürftigen auf afghanischem Boden gebracht werden. Aber die Transporte per Straße und Luft müssen so organisiert werden, dass davon möglichst wenig illegal abgezweigt wird und vertrauenswürdige lokale Verantwortliche in das Verteilersystem eingebunden werden.

3. Phase: In einem Zeitraum von ein bis zwei Jahren wird unter dem Schutz eines UN-Mandats ein politischer Prozess eingeleitet. Der in Rom lebende Ex-König könnte eine große Ratsversammlung einberufen, die in Kabul tagt und aus der eine interimistische "Allparteienregierung" hervorgeht, in der alle ethnischen Gruppen und politischen Parteien vertreten sind. Zugleich sollte ein international finanzierter "Marshall-Plan" für den Wiederaufbau Afghanistans vorbereitet werden.

4. Phase: Die Aufgabe der Interimsregierung ist es, eine verfassunggebende Versammlung einzuberufen und allgemeine Wahlen (einschließlich des Wahlrechts für Frauen) vorzubereiten. Außerdem soll sie den Wiederaufbau überwachen.

An diesem Gesamtkonzept sollte die Bundesregierung maßgeblich mitwirken. Zum einen wird auf Grund des politischen Gewichts, das Deutschland innerhalb der Europäischen Union besitzt, international erwartet, dass Berlin erhebliche Verantwortung übernimmt. Außerdem besitzt Deutschland große Sympathien in der afghanischen Bevölkerung, und zwar in allen ethnischen Gruppen. Schließlich wird es auch zu den Aufgaben der Bundesregierung gehören, die hier lebenden rund 90 000 Afghanen in den politischen Wiederaufbauprozess einzubeziehen und darauf hinzuwirken, dass die Exilgemeinde ihre ethnischen und politischen Polarisierungen überwindet. Der Schwerpunkt des deutschen Beitrags wird voraussichtlich im nicht-militärischen Bereich liegen und mit Beginn der zweiten Phase einsetzen. Wie sich die deutsche Beteiligung konkret gestalten wird, hängt entscheidend davon ab, ob und wie das UN-Mandat definiert wird.

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