Meinung : Was tun gegen Terror?: Auf dem Weg zur Weltpolizei

Sibylle Tönnies

Darf man nur innerhalb esoterischer Zirkel den 11. September so verstehen, wie Propheten solche Ereignisse immer deuteten: als Zeichen? Billigt man frevlerisch den Tod unschuldiger Menschen, wenn man in dem Ereignis eine geschichtsmächtige Kraft erkennt, die einen Weltwandel vorbereitet?

Eine New Yorker Künstlergruppe will da, wo jetzt die Stümpfe der Twin-Towers stehen, mit Scheinwerfern gigantische Lichtsäulen in die Höhe schicken, die die Konturen der Türme nachahmen, aber über sie hinaus in den Kosmos weisen. Auf Computern simuliert war der Eindruck fantastisch. Die Überlegenheit des Geistes über die Materie wurde sichtbar. "Da kann ruhig ein Flugzeug durchgehen!" sagte die junge Künstlerin, die das Projekt in CNN vorstellte, lächelnd.

Die Türme aus Licht könnten von der ganzen Welt als geistiges Zentrum verstanden werden. Anders als das bisherige World Trade Center, das den Welthandel zu Gunsten des Westens regulierte, könnten sie globale Anerkennung finden. Ein Weltwandel würde sichtbar.

Welchen Weltwandel darf man sich versprechen, wenn man dem Ereignis solche Epoche machende Bedeutung zu geben bereit ist? Es ist das große Projekt der Menschheit: die Welteinigung in Frieden. Sie ist durch den Terroranschlag wahrscheinlicher geworden.

Das Gute und das Böse stehen sich nicht in einer Front gegenüber. Das Böse ist auf einen Punkt konzentriert, den die Figur bin Ladens verkörpert, und diesen Punkt umstehen die Nationen in bisher unbekannter Einigkeit. Die Vision "One World" ist ansatzweise Wirklichkeit geworden. Das Vorgehen gegen bin Laden ist Weltinnenpolitik. Mit anderen Worten: Es ist nicht militärisch, sondern sondern polizeilich. Eine Weltpolizei bildet sich heraus. In der Entwicklung der Pläne für den US-Gegenschlag war die Umstellung vom militärischen auf das polizeiliche Prinzip deutlich zu erkennen. "America at war" stand tagelang auf der roten Banderole unter den Bildern des CNN. Jetzt heißt es "War against Terrorism" - und das ist ja ein Widerspruch in sich. Ein Krieg richtet sich definitionsgemäß gegen die Streitkräfte souveräner Staaten.

Das Wort Weltpolizei ist noch nicht gefallen. Aber es ist fällig. Tatsächlich steht fast die gesamte Welt zusammen in einem Einsatz, der nicht militärisch, sondern polizeilich ist. Nicht die afghanische Nation wird angegriffen, sondern der in ihr verborgene Verbrecher. Immer deutlicher zeigt sich, dass der grandiose militärische Aufmarsch, den die USA um Afghanistan herum vornehmen, nur die Kulisse bildet für ein chirurgisches, nicht militärischen, sondern polizeilichen Regeln folgendes, Menschenleben schonendes Vorgehen.

Diejenigen, die sich schon lange eine Weltpolizei wünschen, würden es lieber sehen, wenn sie nicht unter US-Suprematie stünde, sondern eine Institution der UNO wäre. Tatsächlich hat sich die UN-Charta in ihrer Präambel die Herausbildung eines Welt-Gewaltmonopols - mit anderen Worten: einer Weltpolizei - als nächsten Schritt vorgenommen. Die Gründung der Nato widersprach dieser Absicht. Aber soll es, wenn die Monopolisierung der Gewalt in der Welt wirklich gelänge, darauf ankommen, ob das Gewaltmonopol UNO oder Nato heißt? Wenn nicht nur Putin, sondern auch der Rest der Welt einer gemeinsamen Organisation beiträte, würde das Wort Nato ohnehin so unpassend werden, dass es ersetzt werden müsste. Zwar kann der Rest der Welt es nur schwer hinnehmen, dass die ansatzweise entstehende Weltpolizei unter US-Führung steht. Dafür spricht aber nicht nur die Tatsache, dass die USA bereits über das größte Gewaltpotenzial verfügt, sondern noch ein weiterer, dringender Grund: Die Anerkennung ihrer Suprematie könnte der amerikanischen Psyche die Genugtuung verschaffen, die ihr sonst vielleicht doch nur ein Krieg gibt.

Muss man vor der Weltpolizei so viel Angst haben, dass man lieber einem Weltkrieg ins Auge sieht als ihr? Die Führungsposition der USA bietet die Chance, dass die Weltinnenpolitik die demokratischen Regeln einhält, denen sich die USA mit bleibendem Erfolg unterworfen haben. Die Tendenz zur Weltpolizei gibt der schon lange fälligen Änderung des Völkerrechts eine Chance. Bisher dürfen nur die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats die Erlaubnis zur Gewaltanwendung erteilen. Jedes von ihnen besitzt das Veto-Recht; die Entscheidung muss einstimmig sein. Dadurch sind die UN blockiert. Noch ist diese Regelung aber nötig, weil der Widerstand jedes dieser atomar bewaffneten Mitglieder furchtbare militärische Formen annehmen könnte.

In einer Welt, die ein Gewaltmonopol heraus gebildet hat, könnte diese bisher notwendige Hemmung fortfallen. Die zentrale weltpolizeiliche Instanz brauchte nicht mehr durch ein Veto-Recht blockiert zu sein. Ohne Gefahr für den Weltfrieden könnte sie die bisher mit Recht verbotenen humanitären Interventionen vornehmen - um so leichter, umso polizeilicher, als sie es nicht mehr mit regulären Armeen zu tun hätte. Der gewaltsame Tod von sechstausend Menschen wäre durch einen solchen Wandel nicht gerechtfertigt. Aber er wäre nicht umsonst gewesen.

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