Meinung : Was will der Patient?

Patientenverfügung: Wenn Kranke nicht mehr ansprechbar sind Von Eugen Brysch

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Im Vorfeld der Schlussabstimmung der EnqueteKommission „Ethik und Recht der modernen Medizin“ wurde bekannt, dass die Mitglieder sich uneins sind. Die Diskussionspunkte sind: Was macht eine gültige Patientenverfügung aus? Wann ist sie verbindlich? Gilt sie erst, wenn sich der Patient bereits im Sterbeprozess befindet?

Eins ist klar: Priorität hat, was der Patient will. Nach dieser Maxime haben sich Mediziner zu richten. Das klingt einfach. Es kann aber zum Gegenstand kontroverser Diskussion werden, sobald der Patient sich selbst nicht dazu äußern kann, welche Behandlungen er fordert. Bald soll ein Gesetz auf den Weg gebracht werden, das die Reichweite und die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen regelt. Dabei geht es letztendlich um eine Frage: Wie wird der Wille des Patienten durchgesetzt?

Aus Sicht des Patienten sind zwei Punkte entscheidend. Erstens: Um welches Stadium der Krankheit handelt es sich? Befindet sich ein Patient bereits im Sterbeprozess, kann es nur eine Handlungsmaxime geben: Das Team aus Medizin und Pflege muss, wenn der Patient nicht ausdrücklich anderes eingefordert hat, jegliche intensive Maximaltherapie einstellen. Stattdessen ist der Patient in seinem Sterben umfassend zu begleiten. Ihm sind professionelle Schmerz- und Symptomkontrolle, pflegerische und psycho-soziale Begleitung anzubieten, also Palliative-Care, wie sie von der WHO nach internationalen Standards definiert wird.

Doch wie ist der Patientenwille durchzusetzen, wenn sich der Patient nicht im Sterbeprozess befindet? Es ginge an den Bedürfnissen der Menschen vorbei, die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen auf den Sterbeprozess beschränken zu wollen. Wer eine Patientenverfügung verfasst, will für den Fall vorsorgen, dass er sich selbst nicht mehr äußern kann. Setzt man die Selbstbestimmung eines Patienten als Maxime, ist seine individuelle und aussagekräftige Patientenverfügung verbindlich. Das gilt auch dann, wenn es sich um einen nicht sterbenden Patienten handelt, zum Beispiel einen Wachkoma- oder Demenzpatienten. Gleichwohl ist festzuhalten, dass in solch einem Fall um so genauer zu prüfen ist, ob die Patientenverfügung die Krankheitssituation trifft. Das liegt in der gemeinsamen Verantwortung von Bevollmächtigten beziehungsweise Betreuern, Medizinern und Pflegekräften. Sollten sich diese nicht einig sein, ist die externe Instanz zu Rate zu ziehen, das Vormundschaftsgericht.

Höchste Vorsicht ist zudem geboten, wenn die Patientenverfügung nicht auf die konkrete Krankheitssituation zutrifft oder keine Patientenverfügung vorliegt. Eine Ethikkommission aus Bevollmächtigtem, Betreuer, Ärzten, Pflegern, im Zweifelsfall auch Juristen und Theologen muss dann gemeinsam entscheiden: Welche Schlüsse können aus der Patientenverfügung für diese Situation gezogen werden? Falls keine Patientenverfügung vorliegt: Welche konkreten Anhaltspunkte gibt es für das, was der Patient in dieser Situation gewollt hätte? In jedem Fall muss das Vormundschaftsgericht dann die Entscheidung der Ethikkommission überprüfen.

Die gegenwärtige Diskussion um Patientenverfügungen hat sich an folgenden Rahmenbedingungen auszurichten: Der Wille des Patienten hat Priorität. Hat der Patient seinen Willen nicht eindeutig geäußert, darf kein Aufwand gescheut werden, den Willen zu ermitteln. Wenn es dafür keine zuverlässigen, überprüfbaren und starken individuellen Anhaltspunkte gibt, heißt es, im Zweifelsfall für das Leben zu entscheiden. Erst mit dieser Verfahrensweise steht im Vordergrund, was wirklich zählt: die Selbstbestimmung des Patienten.

Der Autor ist Geschäftsführender Vorstand der Deutschen Hospiz Stiftung.

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