Was WISSEN schafft : Aids-Forschung auf Sparflamme

Kaum Studien wegen geringer Aussicht auf Verdienst

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Endlich erlaubt der Papst den Gebrauch von Kondomen – zunächst allerdings nur ausnahmsweise und in Einzelfällen, etwa für schwule Prostituierte. Im Kampf gegen Aids dürfte die späte Einsicht des Kirchenoberhauptes jedoch ohnehin nichts bewirken. Insbesondere ist nicht zu erwarten, dass sich heterosexuelle Kondommuffel von Berlin bis Burundi durch das Papstwort bekehren lassen.

Es gilt deshalb, die Ausbreitung des Aids-Virus HIV (humanes Immundefizienzvirus) auf andere Weise zu verhindern. Jedes Jahr infizieren sich knapp drei Millionen Menschen neu, rund 3000 davon leben in Deutschland. Doch die Entwicklung eines Aids-Impfstoffes erweist sich als eines der schwierigsten Unterfangen der Virologie. In mehr als 25 Jahren Forschung gab es nur vier große Impfstoffstudien, es fehlt an geeigneten Prototypen und Geld für die teuren Studien. Im Gegensatz zu anderen Viren lässt sich bei HIV nicht aufgrund von Tierversuchen vorhersagen, ob ein Impfstoffkandidat beim Menschen funktioniert – selbst bei Affen erfolgreiche Vakzinen erwiesen sich am Menschen als Totalversager.

Die bislang aussichtsreichste und aufwendigste Studie wurde vergangenes Jahr in Thailand abgeschlossen. Über 16 000 Probanden bekamen eine Doppelimpfung, die aus einem mit HIV-Genen beladenen Trägervirus (Kanarienpockenvirus) und einer künstlich hergestellten Komponente der HIV-Oberfläche bestand. Doch das 105 Millionen Dollar teure Mammut-Experiment lieferte mehr Fragen als Antworten: Nur in einer von drei statistischen Auswertungen zeigte sich eine geringe Schutzwirkung. Diese trat auch nur bei einem Drittel der Probanden auf und hielt maximal ein Jahr an. Das Ergebnis war obendrein mit einer Irrtumswahrscheinlichkeit von vier Prozent behaftet – ab fünf Prozent gilt ein Versuch als nicht mehr auswertbar. Noch verwirrender ist, dass die beiden Einzelkomponenten jeweils alleine überhaupt keine Schutzwirkung zeigten. Wie die Doppelimpfung wirkt, falls sie überhaupt wirkt, ist deshalb vollkommen unklar.

Der jüngste, derzeit laufende Großversuch verfolgt daher nur ein eher bescheidenes Ziel: Es soll zuerst einmal herausgefunden werden, wie ein Aids-Impfstoff rein theoretisch wirken könnte – von dem in der Studie eingesetzten Impfstoff ist von vornherein bekannt, dass er gar nicht gegen das Immunschwächevirus schützt.

Angesichts der großen Unsicherheiten und exorbitanten Kosten fahren viele Staaten neuerdings ihre Aids-Forschung zurück – auch in Deutschland scheint man zu hoffen, das Impfstoffproblem werde anderswo gelöst. Für die Pharmaindustrie ist das Thema auch aus rechtlichen Gründen heikel: Wenn ein HIV-Impfstoff versagt, kostet das pro Schadensfall schnell einige Millionen Dollar. Zudem fürchten die Medikamentenhersteller zu Recht, dass sie für einen Impfstoff, der hauptsächlich die Dritte Welt retten soll, nicht ihre üblichen Preise verlangen können.

Wie wichtig die nichtkommerzielle Aids-Forschung ist, zeigte sich bei der Entwicklung der Mikrobizide, die bei der Weltaidskonferenz im Juli für die wichtigste Erfolgsmeldung des letzten Jahrzehnts sorgten: Ein vor dem Geschlechtsverkehr in die Scheide appliziertes Gel (Mikrobizid) reduzierte das Risiko für HIV-Infektionen um bis zu 54 Prozent. Seitdem gelten Mikrobizide als heißester Kandidat für die Eindämmung der Aids-Epidemie – insbesondere in Afrika, wo viele Männer nicht zum Kondomgebrauch zu bewegen sind.

Die Idee der Mikrobizide ist uralt, sie wurde bereits 1986 – drei Jahre nach der Entdeckung des Aids-Virus – von einem deutschen Medizinstudenten formuliert. Die Pharmaindustrie hatte damals jedoch kein Interesse, wegen der unübersehbaren Haftungsrisiken. Dass die Mikrobizidforschung später doch noch in Gang kam, ist privaten Stiftungen und öffentlichen Forschungsmitteln zu verdanken. Ohne das Geld von Big Pharma lief das exotische Thema jedoch lange auf Sparflamme. Im Kampf gegen Aids ging wertvolle Zeit verloren – wenn mit einem Thema kein Geld zu verdienen ist, bewegt sich die weltliche Forschung eben beinahe so langsam wie der Heilige Stuhl.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Foto: J.Peyer

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