Was WISSEN schafft : Auch Bildung und Forschung sind systemrelevant

Die größten Aufgaben der Politik sind bekannt: Klimawandel, Globalisierung, demografischer Wandel. Sie zu lösen, ist schwierig. Was sich ein Wissenschaftler von der schwarz-gelben Bundesregierung wünscht.

Alexander S. Kekulé

Wissenschaftler gelten gemeinhin als unpolitisch – und in der Tiefe ihrer Seele sind sie es meistens auch. Umgekehrt interessieren sich Politiker scheinbar wenig für Wissenschaft. Im TV-Duell der Kanzlerkandidaten kamen Themen wie Klimawandel, Innovation, Forschung und Bildung nur am Rande und höchstens in einigen Schlagworten vor.

Aus Sicht der Politik haben Deutschland und die Welt offenbar so große wirtschaftliche Probleme, dass sie sich um Wissenschaft und Bildung momentan nicht kümmern können. Wenn die künftige Koalition ihr wichtigstes Wahlversprechen einlöst, wird sie die Steuern senken, obwohl die Bankenrettung, die Konjunkturpakete, die Abwrackprämie und diverse Wahlgeschenke noch lange nicht abbezahlt sind. Da liegt es auf der Hand, dass der Staat nicht auch noch die Ausgaben für Forschung und Bildung erhöhen kann. So werden die privaten und öffentlichen Forschungsausgaben weiterhin bei 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes dahindümpeln. Das bereits im Jahre 2000 verabschiedete Lissabon-Ziel von drei Prozent bleibt Illusion.

Aber stimmt es wirklich, dass die Wirtschaft ohne Wissenschaft kuriert werden könnte?

Tatsächlich hängen die größten politischen Probleme unmittelbar mit Wissenschaft und Bildung zusammen – und können auch nur mit deren Hilfe gelöst werden. Die drei größten Aufgaben, denen sich Wirtschaft und Politik in diesem Jahrhundert stellen müssen, heißen Klimawandel, Globalisierung und demografische Entwicklung. Dass die „großen Drei“ für globale Probleme wie Verknappung von Energieträgern und Rohstoffen, Unterernährung und Seuchen unmittelbar verantwortlich sind, ist offensichtlich. Doch die indirekten Effekte gehen viel weiter: Globalisierung, Krankheiten und Überbevölkerung etwa verursachen Armut, Bildungsmangel und soziale Unruhen. Wer sich nicht um diese Zündstoffe kümmert, wird auch das Feuer der Fundamentalisten in Afghanistan, Iran und Palästina nicht löschen.

Selbst die Bankenkrise hängt mit der globalen Zeitenwende unmittelbar zusammen: Weil die Industrienationen an ihre Wachstumsgrenzen stoßen, werfen Investitionen in die Realwirtschaft geringere Renditen ab als künstliche Finanzprodukte. Dieses Strukturproblem jedoch kann nur durch neues Wirtschaftswachstum gelöst werden.

Dafür gibt es in Industrienationen bekanntlich nur eine Quelle: Innovation. Wie Wachstum durch Innovation für Deutschland konkret bewerkstelligt werden soll, war im Wahlkampf leider kein Thema. Höchste Zeit für die künftige Regierung, die Lücke zu füllen. Das könnte etwa so gehen:

Deutschland muss nicht nur die Wissenschaft mit mindestens drei Prozent des BIP fördern, sondern in klar definierten Bereichen die Technologieführerschaft anstreben. Bei drei wichtigen Themen könnten wir aus einer Pole Position starten: Verkehr, Energie und Gesundheit. Umweltschonende Autos, regenerative und effiziente Energiewirtschaft und neue Therapien gegen Infektionskrankheiten und andere Menschheitsgeißeln können das Rückgrat eines nachhaltigen Wachstums bilden.

Um die Innovation in den drei Kernbereichen anzuschieben, sollte der Bund leistungsfähige Forschungszentren fördern – die Länder und Unis wären mit dieser Aufgabe überfordert. Damit die Wirtschaft mitzieht, müssen auch bessere Bedingungen für Wagniskapital sowie steuerliche Förderungen für Forschung und Entwicklung geschaffen werden.

Schließlich muss eine solche nationale Aufgabe und Ausrichtung von der breiten Bevölkerung getragen werden. Voraussetzung dafür ist erstens, dass ethische Fragen der Forschung konsequent und öffentlich diskutiert werden, bevor die Wissenschaftler in ihren Laboren Fakten schaffen – der Deutsche Ethikrat ist hier leider hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Zweitens muss die wissenschaftliche Bildung endlich erheblich verbessert werden, besonders im Elementar- und Primarbereich.

Das alles kostet natürlich Geld, das genauso wenig vorhanden ist, wie die Milliarden zur Rettung der Banken es waren. Doch nicht nur Banken sind „systemrelevant“ – Bildung und Forschung sind es auch.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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