Meinung : Was Wissen Schafft: Auf der Überholspur

Alexander S. Kekulé

Während sich hier zu Lande edle Federn über die Menschenwürde von embryonalen Zellen streiten, werden andernorts bereits handfeste Tatsachen geschaffen. Seit vergangenem Jahr kämpft eine junge amerikanische Familie um das Leben ihres Kindes - es ist ein Kampf auf Leben und Tod der besonderen Art: Der zehn Monate alte Junge starb bereits im vergangenen Frühjahr nach einer missglückten Operation. Nun soll er aus vor seinem Tod eingefrorenen Zellen wieder auferstehen, als erster geklonter Mensch. Das Experiment durchführen will die dubiose Hightech-Sekte der Raelianer. Sektengründer Rael fuhr Autorennen, bis Außerirdische mit einem Ufo kamen und ihm mitteilten, dass die menschliche Rasse einst in ihrem intergalaktischen Klon-Labor entstanden ist. Seitdem hat sich die über 30 000 Mitglieder starke Vereinigung der gentechnischen Perfektionierung des Menschen verschrieben.

Was wie eine Episode aus dem Ufo-Klamauk "Men in Black" anmutet, ist möglicherweise bereits der Ernstfall, den Kritiker seit der Geburt des Klon-Schafes Dolly vorhergesagt haben. Auch Fachleute trauen der mit eigenen Laboren und perfekter Internet-Präsenz (www.rael.org) ausgestatteten Sekte zu, ihren extraterrestrischen Reinkarnations-Auftrag erfolgreich auszuführen. Dabei kommt den Raelianern ein biologischer Zufall zugute, der seriösen Wissenschaftlern schon lange Sorge bereitet: Das ethisch besonders problematische "reproduktive Klonen", bei dem aus einer Körperzelle ein genetisch identischer Zwilling geschaffen wird, ist technisch vergleichsweise einfach.

Die größte Hürde der bei diversen Tierarten bereits erfolgreich praktizierten "Kerntransfer-Methode" ist die geringe Ausbeute: Nur etwa jedes hundertste Ei wächst nach dem Beladen mit fremdem Erbmaterial zum reifen Fötus heran. Der Eier-Engpass könnte der Sekte den entscheidenden Vorsprung sichern: Angeblich wurden aus der Schar der Ufo-Gläubigen bereits 50 Frauen rekrutiert, die ihrem Meister als Eispenderinnen und Leihmütter dienen wollen.

Einen ähnlichen Wettbewerbsvorteil erhoffen sich Forscher in China und Südkorea. Angesichts der Aussicht, das Weltereignis der ersten Klonierung eines Menschen moralisch zweifelhaften Biotech-Amateuren überlassen zu müssen, juckte es auch renommierte Wissenschaftler schon länger in den Fingern. Vorvergangene Woche erklärte der römische Reproduktionsmediziner Severino Antinori, dass er den ersten Menschen klonen will. Geplanter Geburtstermin: "Im Sommer 2002". Es sieht so aus, als ob die wissenschaftliche Entwicklung wieder einmal die ethische Diskussion hinter sich gelassen hat. Das Räsonnieren über mögliche Menschenrechte einzelner Zellen kommt zu spät in einer Gesellschaft, die den Tod Hunderttausender Embryonen bei künstlichen Befruchtungen und Abtreibungen längst akzeptiert hat. Jetzt droht die philosophische Debatte um das therapeutische Klonen, bei dem es "nur" um die Verwendung von embryonalen Zellen zu Forschungszwecken geht, auch noch durch die Realität des reproduktiven Klonens überholt zu werden. Die mühsamen bio-ethischen Argumente zur Verteidigung des Embryos, von der Potenzialität der befruchteten Zelle bis zur Kontinuität des Individuums, versagen ausgerechnet beim reproduktiven Klonen vollends: Es wird ja kein Leben zerstört, sondern im Gegenteil menschliches Leben neu erschaffen.

Kritische Forscher werden von den Philosophen mit ihrem moralischen Unbehagen allein gelassen. Die Christen unter ihnen mögen sich auf die Unantastbarkeit der Schöpfung berufen. Den anderen liefert zum Glück die Wissenschaft selbst noch ein paar gute Argumente gegen das reproduktive Klonen: Gehäufte Missbildungen, vorzeitiges Altern, Nebenwirkungen auf das Immunsystem - und vor allem die ungeklärten Folgen für Tausende Generationen, die dem Gen-Pfusch ihrer Vorfahren auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein werden.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle.

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