Was WISSEN schafft : Bevor die Seuche ausbricht

In Ostafrika sollte dringend gegen Cholera geimpft werden

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Während Europa sich um den kränkelnden Euro sorgt, wird am Horn von Afrika weitergestorben: Zwölf Millionen Menschen leiden unter der schwersten Hungersnot seit 60 Jahren, eine halbe Million Kinder ist unmittelbar vom Tod bedroht. In Somalia, dem am schwersten betroffenen Land, ist ein Viertel der 7,5 Millionen Einwohner auf der Flucht. In den Nachbarländern Kenia, Äthiopien und Dschibuti quellen die Flüchtlingslager über, vergangenen Monat kamen täglich rund 3000 Menschen über die Grenzen.

Als wäre das nicht genug, kündigt sich nun die nächste Katastrophe an: In der somalischen Hauptstadt Mogadischu nehmen die Cholera-Erkrankungen bedrohlich zu. Bisher sind es nur kleinere Ausbrüche, meistens sind Kinder betroffen. In einem Krankenhaus zählte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 181 Tote. Das gibt es in Ostafrika immer wieder, doch seit Jahresanfang hat sich die Zahl der Infektionen verdreifacht. Sollte es zu einer Epidemie kommen, würde das für Zehntausende den Tod bedeuten.

Cholera wird durch mit menschlichen Fäkalien verunreinigtes Wasser übertragen. In Flüchtlingslagern mit schlechten hygienischen Bedingungen ist deshalb das Risiko für einen Ausbruch der Seuche besonders hoch. Wann das geschieht, kann niemand vorhersagen. Oft wurden nach Erdbeben, Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen verheerende Epidemien befürchtet, doch dann ist nichts passiert.

Wenn die Cholera da ist, breitet sie sich aus wie ein Buschfeuer. Selbst gesunde Erwachsene erkranken schlagartig mit schwerstem Durchfall und Erbrechen, durch den Flüssigkeitsverlust sind sie sofort in Lebensgefahr. Aufgrund der kurzen Inkubationszeit, die manchmal nur wenige Stunden beträgt, scheidet jeder Infizierte sehr schnell Unmengen von Cholerabakterien aus. So kommt es zu einer Kettenreaktion, die innerhalb weniger Wochen die Gesundheitsversorgung zusammenbrechen lässt.

Seit einigen Jahren gibt es Impfstoffe, mit denen Cholera-Epidemien in Krisengebieten verhindert werden könnten. Doch die WHO ist mit dem Einsatz zögerlich, weil Impfkampagnen aufwendig sind und im Einzelfall nicht vorherzusagen ist, ob es überhaupt zu einem Ausbruch kommt. So wurde in Haiti nach dem Erdbeben vom Januar 2010 nicht geimpft, weil die Cholera dort schon lange nicht mehr aufgetreten war. Neun Monate später kam die Epidemie. Seitdem sind fast eine halbe Million Haitianer an Cholera erkrankt und 6000 gestorben, ein Ende ist nicht abzusehen. Der von der UN lange bestrittene Verdacht, dass Blauhelmsoldaten die Seuche aus Nepal eingeschleppt haben, wurde vergangene Woche durch genetische Untersuchungen bestätigt.

In Somalia ist die Cholera bereits entfacht, aus dem Schwelbrand könnte schnell ein Feuer werden. Trotzdem zögert die WHO. Der von der UN-Organisation zugelassene Impfstoff (Dukoral) muss in 150 Milliliter Wasser aufgelöst und getrunken werden. Für den Schutz sind zwei Impfungen im Abstand von ein bis sechs Wochen nötig. Die WHO zweifelt, ob angesichts der Wasserknappheit und chaotischen Bedingungen in Ostafrika eine Impfkampagne funktionieren kann.

Tatsächlich bestehen in den Flüchtlingslagern der UN jedoch, für afrikanische Verhältnisse, nahezu ideale Voraussetzungen. Da die Insassen registriert sind und meist lange bleiben, lassen sich zwei Impfungen problemlos durchführen. Trinkwasser und medizinisches Personal sind vorhanden. Da die Menschen in der Obhut der UN sind, wird sich ein Großteil an der Impfaktion beteiligen. Wenn etwa zwei Drittel einer Population immun sind, kann sich die Cholera nicht mehr epidemisch ausbreiten.

Hat die Epidemie erst einmal begonnen, ist es für eine Impfkampagne jedoch zu spät. Die Aktion müsste deshalb jetzt beginnen, bevor Ende Oktober die Regenzeit kommt und sich die hygienischen Verhältnisse weiter verschlechtern. Die Impfung der etwa 700 000 Menschen in den UN- Flüchtlingslagern würde rund sieben Millionen Euro kosten. Im Verhältnis zu den Krankheitskosten des Euro wäre das ein Schnäppchen, mit dem sich Deutschland in der Außen- und Entwicklungspolitik hervorragend profilieren könnte.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Foto: J. Peyer

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