Was WISSEN schafft : Bio-Massenvernichtungswaffe

Forscher haben ein Super-Grippevirus gebastelt.

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Seit 2003 wird die Hitliste der möglichen Weltuntergänge von einem simplen Szenario angeführt: Ein aggressives Vogelgrippevirus mutiert und löst eine verheerende Pandemie aus. Der heißeste Kandidat, das Vogelgrippevirus H5N1, tötet 60 Prozent der Menschen, die daran erkranken. Glücklicherweise springt H5N1 nur extrem selten vom Vogel auf den Menschen über – seit seinem Auftauchen 2003 gab es weltweit nur 571 registrierte menschliche Infektionen. Die befürchtete Mutation zu einem Pandemievirus ist ausgeblieben.

Stattdessen brach 2009 die vergleichsweise harmlose „Schweinegrippe“ aus, hastig hergestellte Impfstoffe landeten in der Müllverbrennung. Nicht nur in Deutschland fragen Politiker, ob die Pandemieangst nicht übertrieben war. Angesichts leerer Kassen sträuben sich die Bundesländer, ihre verfallenen Notvorräte der Grippemittel Tamiflu und Relenza zu ersetzen. Namhafte Wissenschaftler behaupten sogar, Vogelgrippeviren könnten gar keine Pandemie auslösen, weil sie bei der Anpassung an den Menschen ihre Aggressivität verlören. In Zeiten von Klima- und Wirtschaftskrisen käme es der Politik gelegen, wenn wenigstens der virale Weltuntergang ausbleibt.

In dieser Lage entschlossen sich die Influenzaforscher Ron Fouchier und Ab Osterhaus von der Erasmus Universität in Rotterdam zu dem womöglich gefährlichsten Experiment aller Zeiten. Das Killervirus H5N1 sollte gentechnisch so verändert werden, dass es erstens auch Säugetiere infiziert und zweitens durch die Luft übertragen wird. Wenn es dann immer noch 60 Prozent der Infizierten tötet, wäre bewiesen, dass aus dem Vogelvirus H5N1 eine menschliche Pandemie entstehen kann. Als Versuchstiere wählten sie Frettchen, weil sich Influenzaviren hier sehr ähnlich wie beim Menschen verhalten.

Das jetzt vorab durchgesickerte Ergebnis schockiert selbst hartgesottene Seuchenexperten: Nur fünf Mutationen waren nötig, um das Vogelvirus H5N1 für Frettchen hochinfektiös zu machen, es wird per Tröpfcheninfektion durch die Luft übertragen. Von den infizierten Säugetieren sterben 60 Prozent – das Killervirus hat beim Artensprung nichts von seiner Gefährlichkeit eingebüßt.

Noch beunruhigender als das Resultat des Versuchs ist die Methode, mit der es erzielt wurde. Die niederländischen Virologen konnten zunächst durch zwei gezielte Mutationen erreichen, dass das Vogelgrippevirus an die Nasenschleimhaut von Frettchen andockt. Jedoch wurde es, trotz intensiver Versuche, nicht effektiv von Tier zu Tier übertragen. Nun griff Fouchier auf ein uraltes Verfahren aus den Anfängen der Virologie zurück: Er infizierte ein Frettchen, isolierte das Virus daraus und übertrug es von Hand auf die Nasenschleimhaut eines weiteren Tieres. Daraus isolierte er wieder das Virus und infizierte das nächste Tier. Nach zehn dieser „Passagen“ hatte sich das Virus von selbst an die neue Tierart angepasst und war für Frettchen hochinfektiös. Wie die Analyse ergab, hatten sich während der Passagen drei natürliche Mutationen ereignet, auf die die Virologen nicht selbst gekommen waren.

Ob das neue Virus eine tödliche Pandemie auslösen würde, wenn es aus dem Rotterdamer Hochsicherheitslabor entkommt, weiß niemand – Influenzaviren vom Frettchen sind für Menschen oft, aber nicht immer infektiös. Jetzt prüft die Kommission für Biosicherheit der USA, ob die Ergebnisse geheim gehalten werden sollen. Potenzielle Bioterroristen müssen jedoch gar nicht auf die Publikation der Details warten: ein an H5N1 erkrankter Vogel und (freiwillige oder unfreiwillige) menschliche Versuchskandidaten für die Passagierung könnten bereits genügen, um ein virologisches Armageddon vorzubereiten.

Es ist höchste Zeit, gefährliche biologische Experimente unter internationale Kontrolle zu stellen, wie dies bei der Kernenergie bereits der Fall ist. Zumindest innerhalb der EU sollten biologische Versuche vorher – und nicht erst bei Veröffentlichung – durch ein unabhängiges Gremium geprüft werden. Das wäre zwar noch keine Atombehörde für Mikroben, aber immerhin ein Anfang.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle.

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