Meinung : Was Wissen schafft: Chronik eines angekündigten Todes

Alexander S. Kekulé

Der Wald ist ein besonders schwieriger Patient. Seit Jahrzehnten, so warnen seine Beschützer, stirbt er langsam und leidend vor sich hin - heimtückisch vergiftet von saurem Regen, stickoxidhaltigen Abgasen und nitratbelasteten Düngern. Inzwischen ist das stille Sterben der Bäume aus der politischen Diskussion und dem internationalen Sprachgebrauch ("le Waldsterben") nicht mehr wegzudenken - allein der angekündigte Tod mag einfach nicht eintreten. Bei den jährlichen Visiten schlagen sich Kohorten von Förstern durchs Unterholz, um den Gesundheitszustand ihres Patienten zu beurteilen. Das Ergebnis gibt die Bundesregierung im "Waldzustandsbericht" bekannt, der zum Ritual der Vorweihnachtszeit gehört wie das Gedrängel in den Kaufhäusern. Seit Montag ist das Siechen des deutschen Waldes wieder einmal amtlich: Ein Fünftel aller Bäume (22 Prozent) sind stark geschädigt, weitere 42 Prozent weisen leichte Gesundheitsschäden auf - etwa die gleichen Zahlen wie im Vorjahr. Die Bundesregierung sieht den Patienten, wie üblich, tendenziell auf dem Weg der Besserung und verordnet weitere Reduktion der Luftverschmutzung. Zusätzlich soll die Massentierhaltung eingeschränkt werden, deren Fäkalien den Boden übersäuern. Umweltorganisationen schimpfen, ebenfalls wie üblich, dass all dies viel zu langsam gehe.

Dabei ist noch vollkommen unklar, an welcher Krankheit der Wald überhaupt leidet - von der richtigen Therapie ganz zu schweigen. So hat die erhebliche Reduktion der Emission von Schwefeldioxid und Stickoxiden (um etwa 84 beziehungsweise 40 Prozent seit 1990) zu keiner erkennbaren Erholung des Baumbestandes geführt - zumindest bisher. Auch die Ammoniak-Belastung und Übersäuerung des Bodens durch intensive Tierhaltung korreliert nicht mit dem Zustand der Wälder: Während die Massentierhaltung insbesondere in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen verbreitet ist, haben die Baumschäden in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz besonders zugenommen. Noch verwirrender ist das Muster der europäischen Waldschäden, die seit 1984 systematisch erfasst werden. Beispielsweise zeigen die Fichten ausgerechnet im sauberen Mittelnorwegen mehr Schäden als irgendwo anders in Europa; für Buchen sind die gefährlichsten Standorte der industriearme bayerische Südosten und eine menschenleere Waldregion Rumäniens. Bei Eichen variieren die Blattverluste europaweit so stark, dass bisher überhaupt kein Zusammenhang mit natürlichen oder unnatürlichen Schädigungen hergestellt werden konnte.

Die Methode des "forstlichen Umweltmonitorings", mit denen die europäischen Waldzustandsberichte erhoben werden, ist daher seit Jahren umstritten. Einziges Kriterium für die Schadensbeurteilung ist eine traditionelle Blickdiagnose, das "Ansprechen" der Baumkronen: Fehlen im Vergleich zu einem fiktiven Idealbaum mehr als zehn Prozent der Blätter oder Nadeln, so liegen "schwache Schäden" vor, bei mehr als 25 Prozent sind es "starke Schäden". Zwar werden zusätzlich zu dieser großflächigen Erhebung ("Level I") europaweit etwa 860 kleine Waldflächen einer gründlicheren Untersuchung unterzogen ("Level II"), wobei wissenschaftlich zuverlässigere Verfahren wie Bodenproben, Blattanalysen und Wachstumsmessungen zum Einsatz kommen. Doch die Blickdiagnose der Baumkronen ist mit den wissenschaftlichen Level II-Untersuchungen erwartungsgemäß nicht in Einklang zu bringen - so wie kein Arzt die Ergebnisse der mittelalterlichen Harnschau mit modernen Laborwerten erklären könnte.

Um das richtige Heilmittel für den kranken Wald zu finden, ist deshalb noch ein gutes Stück Forschungsarbeit zu leisten. Die von der Bundesregierung angekündigte weitere Reduktion der Luftschadstoffe ist jedoch auf jeden Fall sinnvoll: Nach Berechnungen der Weltgesundheitsorganisation sterben an den Folgen der Luftverschmutzung jährlich etwa 700.000 Menschen.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg.

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