Was WISSEN schafft : Darwin und das Wunder des Lebens

Nicht überall hat sich die Evolutionstheorie durchgesetzt. Dass der Mensch ohne transzendente Sinngebung so schnöde ins Dasein geworfen wurde, mögen sogar viele Naturwissenschaftler nicht wahrhaben.

Alexander S. Kekulé

Vergangenen Donnerstag wäre Charles Darwin 200 Jahre alt geworden, sein Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ feiert derzeit 150-jähriges Jubiläum. Was darin steht, weiß jedes Kind: Der Mensch stammt vom Affen ab, und nur der Fitteste kann in der Evolution überleben. Die Hauptaussagen von Darwins visionärer Theorie wurden inzwischen durch die Molekulargenetik und die Paläontologie bestätigt. Umso erstaunlicher ist es, dass es einem Großteil der Menschheit auch im 21. Jahrhundert schwerfällt, die Evolutionslehre mit ihren weitreichenden Konsequenzen zu akzeptieren.

Am deutlichsten ist der Widerspruch zur jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichte. Darwin sagte voraus, dass alles Leben von einem einzigen Urahn abstammen müsse. Heute wissen wir, dass vor vier Milliarden Jahren durch „chemische Evolution“ aus anorganischem Material ein primitiver Einzeller entstand, aus dem sich alle irdischen Lebewesen entwickelten. Die Genesis des alten Testaments ist deshalb, im wörtlichen Sinne, keine wahre Geschichte.

Damit könnten sich die meisten Christen und Juden heutzutage wohl arrangieren, ohne vom Glauben abzufallen oder einen heiligen Krieg gegen die Naturwissenschaften anzufachen. Doch es kommt noch ärger. Mit der Evolutionstheorie ist nämlich auch bewiesen, dass die Arten einzig und alleine durch Selektion auseinander hervorgegangen sind. Die größte Überlebenstüchtigkeit besitzt, wer sich an veränderliche Umwelteinflüsse am besten anpasst – egal ob er schön oder hässlich, friedlich oder aggressiv, gut oder böse ist. Mit anderen Worten: Das Leben entwickelt sich zwar nach wissenschaftlichen Gesetzen, jedoch ohne jeden Sinn und Zweck. Göttliche Wunder und der Wille eines planenden Schöpfers kommen in der Evolution nicht vor.

Dass der Mensch ohne transzendente Sinngebung so schnöde ins Dasein geworfen wurde, mögen sogar viele Naturwissenschaftler nicht wahrhaben. Die aus den USA stammende Bewegung der „Kreationisten“ lehnt die natürliche Selektion ab und behauptet, Gott habe die Welt in sechs Tagen erschaffen. Erstaunlicherweise bekommt die pseudowissenschaftliche Lehre Unterstützung namhafter Biologen, auch in Deutschland. Die Argumentation ist denkbar schlicht: Etwas so komplexes und Vollkommenes wie die Natur kann nicht einfach zufällig entstanden sein, deshalb muss es einen Schöpfer dieses „Intelligent Design“ geben.

Umfragen zufolge glaubt mehr als die Hälfte der Amerikaner, die biblische Schöpfung habe ganz real stattgefunden. Angesichts des unheimlichen Erfolges der Evolutionsleugner steuern sogar die Kirchen neuerdings gegen. Vergangenen September, rechtzeitig vor Beginn des Darwin-Jahres, entschuldigte sich die anglikanische Kirche offiziell für die Anfeindungen vor 150 Jahren. Der Vatikan veranstaltet Anfang März eine eigene Konferenz zum Thema Evolution, von der eine klare Absage an die ID-Bewegung erwartet wird. Da es sich um eine fast sektenartige Gruppierung handelt, die aus dem protestantischen Lager stammt und von der russisch-orthodoxen Kirche unterstützt wird, hat die Abgrenzung allerdings auch kirchenpolitische Gründe.

Beendet ist der Streit um die Evolution damit noch lange nicht – letztlich geht es um die uralte Frage, ob die Erklärungshoheit über die Welt dem Glauben oder der Wissenschaft zusteht. Trotz der offensichtlichen Erfolge des naturwissenschaftlichen Ansatzes, auf dem letztlich die gesamte moderne Zivilisation beruht, tendiert der Mensch im persönlichen Bereich zu irrationalen, glaubensbasierten Entscheidungen. Etwa die Hälfte der Deutschen glaubt an Wunder, ebenso viele vertrauen der Homöopathie – obwohl diese keine biologische Wirkung hat.

Auch andere Staaten sind zwischen Wissenschaft und Glaube gespalten. Drei Tage vor Darwins Geburtstag starb vergangene Woche die italienische Komapatientin Eluana Englaro. Die Ärzte hatten, mit Genehmigung des obersten Berufungsgerichtes, nach 17 Jahren die künstliche Ernährung beendet. Genau die Hälfte der Italiener war dafür, die andere Hälfte beschimpft die Ärzte als Mörder. Papst Benedikt XVI. hat zu dem Fall Stellung genommen. Er lehnte jede Sterbehilfe ab – und verwies auf die Möglichkeit einer göttlichen Wunderheilung.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben