Was WISSEN schafft : Das Ehec-Gespenst

Der Ausbruch ist zu Ende – doch niemand weiß, warum

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Am vergangenen Freitag legte das Robert-Koch-Institut (RKI) einen „Abschlussbericht“ zum Ehec-Ausbruch vor. Demnach gab es von Mitte Mai bis Mitte Juni 3842 Erkrankungen mit dem neuartigen Erreger „Ehec O104:H4“; 55 Menschen starben; in 855 Fällen entwickelte sich das gefürchtete „hämolytisch-urämische Syndrom“ – in dieser Hinsicht war es der schwerste Ehec- Ausbruch, der weltweit jemals registriert wurde.

Die nun veröffentlichten Zahlen belegen leider auch, dass die Behörden zu spät reagiert haben, um den Verlauf des Ausbruches noch zu beeinflussen. Als das RKI am 22. Mai zum ersten Mal die Öffentlichkeit informierte, war die Epidemie bereits auf ihrem Höhepunkt angekommen – danach nahm die Zahl der Neuinfektionen von selbst wieder ab. Als man am 10. Juni endlich vor Sprossen warnte, war der Ausbruch bereits so gut wie vorüber – warum der Erreger verschwand und woher er gekommen ist, weiß bis heute niemand. Fest steht, dass die weitaus meisten Infektionen durch Sprossen eines einzigen Herstellers im niedersächsischen Bienenbüttel verursacht wurden. Darüber hinaus steckten sich mehrere Menschen bei erkrankten Haushaltsmitgliedern an, auch Laborinfektionen kamen vor.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung gab bereits Ende Juni bekannt, dass der Ehec-Keim „mit großer Wahrscheinlichkeit“ von Bockshornkleesamen aus Ägypten stammt, dies habe man von der europäischen Lebensmittelbehörde EFSA erfahren. Eine „Task Force Ehec“, die wiederum vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit koordiniert wird, ist seitdem auf der Suche nach der Quelle des Erregers – bisher ohne Erfolg.

Den Hinweis auf den Bockshornklee hatte die EFSA aus Frankreich bekommen. Nach einem Fest in einer Kindertagesstätte bei Bordeaux waren 15 Menschen an dem ungewöhnlichen Erreger Ehec O104:H4 erkrankt, der bis dahin nur in Deutschland beobachtet worden war. Die Veranstalter hatten Bockshornklee serviert, den sie aus im Gartencenter gekauften Samen selbst gezogen hatten. Von dort führte die Spur über Deutschland nach Ägypten.

Wenn die Recherchen der EFSA stimmen, nahm das Unglück bereits am 24. November 2009 seinen Lauf, als in der Hafenstadt Damiette im Nildelta ein Container mit 15 Tonnen Bockshornkleesamen auf ein Frachtschiff verladen wurde. Über Antwerpen und Rotterdam erreichten die Samen einen deutschen Importeur. Von dort gelangten sie über einen britischen Betrieb nach Frankreich und über einen deutschen Zwischenhändler in den niedersächsischen Sprossenhof. Die Europäische Kommission hat deshalb ein Einfuhrverbot für Samen aus Ägypten erlassen, das zunächst bis Ende Oktober gilt.

Die Ägypten-Connection ist auf den ersten Blick plausibel, weil Ehec O104:H4 bestimmte Eigenschaften aufweist, die in Afrika häufig vorkommen. Allerdings wurden nur drei Säcke (75 Kilogramm) Bockshornkleesamen nach Bienenbüttel geliefert, der Rest der 15 Tonnen ging an Händler in Deutschland, Großbritannien, Österreich und Spanien. Alleine in Frankreich wurden zehntausende Tüten mit jeweils 5 bis 125 Samen landesweit verkauft. Warum nur von einem Betrieb in Bienenbüttel und einem Kinderfest in Bordeaux Ausbrüche ausgingen, kann niemand erklären.

Merkwürdig ist auch, dass der Erreger in den Samen nie nachgewiesen wurde, obwohl die Behörden beim Importeur und bei diversen Zwischenhändlern noch Reste der verdächtigten Charge fanden.

Möglicherweise waren in den 600 Säcken nur einzelne Samenkörner mit Ehec O104:H4 verunreinigt. Möglicherweise haben diese Bakterien besondere Eigenschaften, die einen Nachweis in den Samen erschweren. Möglicherweise gab es aber auch noch ein weiteres Bindeglied zwischen Bienenbüttel und Bordeaux, das man nicht rechtzeitig gefunden hat. Jetzt scheint die Infektionsquelle jedenfalls versiegt zu sein. In dieser Lage ist leider nicht auszuschließen, dass der mysteriöse Erreger noch einmal zuschlägt.

Der Autor ist Mikrobiologe und Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle. Foto: J. Peyer

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