Was WISSEN schafft : Das Ende ist nah

Die Weltwirtschaft wird stranguliert, lange bevor der letzte Ölhahn versiegt. Die irrwitzigen Preisschilder an den Zapfsäulen der Tankstellen sind keine Spielart des Marktes, sondern Vorboten für das nahende Ende des Ölzeitalters.

Alexander S. Kekulé

Als der Menschheit zum ersten Mal das Öl ausging, war die feine Gesellschaft in New York in heller Aufregung. In den Wohnhäusern, Gaststätten und Fabriken der Stadt drohten die Lichter auszugehen: Man hatte die Pottwale bis kurz vor dem Aussterben gejagt, Walöl für die Lampen war kaum noch zu bekommen. Auch als Rohstoff für Farben, Seifen, Salben und Schmiere war der tierische Tran unersetzlich, sein Preis stieg in schwindelerregende Höhen. Jetzt war Erfindergeist gefragt – damals um 1850, in der ersten Ölkrise.

Edwin Drake hätte gewiss eine große Karriere bei der New Haven Railroad Company vor sich gehabt. Doch eine Erkrankung zwang den Amerikaner zum Berufswechsel. So kam es, dass der pensionierte Schaffner als erster gezielt nach Öl bohrte – bis dahin hatte man das „schwarze Gold“ nur in kleinen Mengen gewonnen, als Nebenprodukt beim Salzabbau. Am 27. August 1859 trieb Drake sein gigantisches, gusseisernes Bohrgestänge in den Boden des „Oil Creek“ in Pennsylvania. Schon einen Tag später, in nur 21 Meter Tiefe, wurde der Pionier fündig – das Zeitalter des Erdöls war angebrochen.

Heute, eineinhalb Jahrhunderte später, klettern die Ölpreise wieder in schwindelerregende Höhen. Nach den Gesetzen des Marktes müssten hohe Preise erstens zu steigender Produktion führen, weil sich aufwendigere Fördertechniken lohnen, so wie damals bei der ersten industriellen Bohrung am Oil Creek. Zweitens müsste die Nachfrage sinken, wenn ein Produkt teurer wird. Doch keine der beiden Vorhersagen der Ölmarktexperten ist eingetreten: Die Förderungsmenge stagniert und die Nachfrage nimmt zu, folglich steigt der Preis unaufhaltsam weiter.

Für dieses marktwirtschaftliche Paradoxon kommen zwei Erklärungen infrage, um die heftig gestritten wird. Entweder halten die Erzeuger absichtlich den Hahn zu, um die Preise künstlich hoch zu treiben. Oder das Öl geht schlichtweg zu Ende.

Politiker und Ölmanager verbreiten derzeit die Mär von den „bösen Märkten“, um die durch die explodierenden Benzinpreise alarmierte Bevölkerung zu beschwichtigen – plausibel ist das jedoch nicht: Die OPEC hat spätestens seit der Ölkrise der 70er Jahre gelernt, dass Verknappung die Suche nach Einsparmöglichkeiten und alternativen Energiequellen intensiviert, also das Ölmonopol beschädigt. Deshalb würde sie den Hahn in der gegenwärtigen Situation schnell aufdrehen, wenn sie könnte.

Doch eine erhebliche Steigerung der Fördermengen ist selbst im Nahen Osten, wo drei Viertel der weltweiten Vorräte lagern, nur durch technische Nachrüstung und Erschließung neuer Ölfelder möglich. Kleinere Produzenten wie Russland, Norwegen oder Mexiko können noch weniger flexibel reagieren, weil hier der Aufwand für die Erschließung schwer zugänglicher Ölvorräte noch höher ist. So kommt es, dass etwa der mexikanische Ölmonopolist Pemex trotz des hohen Ölpreises wirtschaftliche Probleme hat.

Zwar haben die OPEC und andere Beschwichtiger möglicherweise recht, wenn sie versichern, die Ölreserven reichten für weitere vierzig Jahre. Doch mit dem Öl ist es wie mit den Walen: Das erste Drittel ist leicht zu erwischen, das zweite Drittel nur mit erheblichem Aufwand. Und an das letzte Drittel in der Tiefe des Ozeans kommt man überhaupt nicht heran.

Die Weltwirtschaft wird deshalb stranguliert, lange bevor der letzte Ölhahn versiegt: Treibstoffe für den Verkehr und die Landwirtschaft, Rohmaterial für Kunststoffe und Farben und auch Heizöl sind kurzfristig nicht ersetzbar. Deshalb kann die Nachfrage nicht abnehmen, obwohl der Ölpreis dramatisch steigt. Die irrwitzigen Preisschilder an den Zapfsäulen der Tankstellen sind deshalb keine Spielart des Marktes, sondern Vorboten für das nahende Ende des Ölzeitalters.

Die Wüstenstaaten im Nahen Osten werden keinen technischen Aufwand scheuen, um mittelfristig die Fördermengen zu steigern. Dann werden wohl auch die Benzinpreise vorübergehend sinken. Doch die Fata Morgana vom nie versiegenden Ölquell trügt. In Wirklichkeit ist es höchste Zeit für neue Energiekonzepte. Erfindergeist ist wieder einmal dringend gefragt.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische

Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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