Was WISSEN schafft : Das Gefühl trügt

Spätestens beim Umgang mit Statistiken und Prozentzahlen hilft das Bauchgefühl nicht mehr weiter: Kann der Mensch seiner Intuition noch trauen?

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Lassen Sie mich Ihnen kurz Linda vorstellen. Sie ist 31, Single, hochintelligent und sozial engagiert. Nun zu der Frage. Welche der Behauptungen ist wahrscheinlicher? A: Linda arbeitet in einer Bank. B: Linda arbeitet in einer Bank und ist aktive Feministin. 90 Prozent der Befragten antworten, dass b) die richtige Antwort ist. Logisch zutreffend ist dagegen a). Der Irrtum heißt Verknüpfungstäuschung und beruht darauf, dass wir in unserer Urteilsfindung dazu neigen, uns von plausiblen Details in die Irre führen zu lassen. Wer sozial engagiert und intelligent ist, muss ganz einfach Feministin sein!

Die fiktive Linda, die uns zu falschen Schlüssen verleitet, ist das berühmteste Exponat aus Daniel Kahnemans Sammlung der Täuschungen und Trugschlüsse. Fast sein ganzes Forscherleben lang hat der israelisch-amerikanische Psychologe und Ökonomie-Nobelpreisträger sich damit beschäftigt, die Schwächen des Denkens auszukundschaften. Manipulierbar, sich selbst überschätzend, übertrieben optimistisch – die menschliche Vernunft ist für Kahneman alles andere als eine kühl und rational entscheidende Instanz.

Unser Intellekt wird von „System 1“ regiert, schreibt Kahneman in seinem Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“. „System 1“ funktioniert rasch, automatisch, unbewusst, intuitiv – und unkritisch und fehleranfällig. Deshalb muss hier und da „System 2“ einspringen. Es arbeitet gezielt, vernünftig, bewusst, aber leider auch träge und rasch ermüdend. „Richtiges“ Denken strengt an, wie das Lösen einer Matheaufgabe oder rückwärts einzuparken.

Es ist sicher nicht nur die Schadenfreude über die Schwächen des menschlichen Verstands, die Kahneman zum Psychologen der Stunde macht. Mit seiner tief sitzenden Skepsis hat er im Chaos der Finanzkrise und ihrer Nachwirkungen einen Nerv getroffen. Doch seine Position ist nicht unwidersprochen geblieben. „Ein prominenter deutscher Psychologe erwies sich als unser hartnäckigster Kritiker“, heißt es in einer Fußnote in Kahnemans Buch. Gemeint ist Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Der erbitterte Streit zwischen den beiden Psychologen ist in Wahrheit alles andere als eine Randbemerkung, sondern als seit Jahrzehnten währender „Rationalitäts-Krieg“ in die Annalen der Sozialwissenschaft eingegangen. Vor allem aber geht es in der Kontroverse um eine grundsätzlich verschiedene Sicht auf den Menschen – die eine pessimistisch, die andere optimistisch.

Salopp gesagt sieht Gigerenzer dort Käse, wo Kahneman Löcher vermutet. Für den Berliner Psychologen ist der menschliche Alltagsverstand durchaus imstande, Probleme hervorragend zu lösen, ohne sich ständig in Denkfehlern zu verfransen. Vom Fangen eines Balls bis zu schicksalsträchtigen Entscheidungen wie Berufswahl oder Heirat bedienen wir uns einer Reihe von Faustregeln wie „Verlasse dich auf einen guten Grund“ oder „Investiere gleichmäßig“. Die Suche nach diesen Regeln war für Gigerenzer das, was für Kahneman die nach den Denkfehlern war.

Gigerenzer rehabilitiert die Intuition. Hinter einem Bauchgefühl, das uns zu einer Entscheidung führt, verbirgt sich meist eine unbewusst ausgeführte Faustregel, „eine Form unbewusster Intelligenz“, schreibt Gigerenzer in seinem neuen Buch „Risiko“. „Die Annahme, Intelligenz sei notwendigerweise bewusst und überlegt, ist ein Riesenirrtum.“

Auch um Linda hat Gigerenzer sich gekümmert. Der Test sperrt seiner Ansicht nach die junge Frau in einen zu engen logischen Käfig. Denn das menschliche Denken ist „ökologisch“, es berücksichtigt die Umwelt, in der eine Entscheidung getroffen werden muss. Danach ist es eben wahrscheinlich, dass Linda Feministin ist. Kahneman erscheint dagegen wie ein Fallensteller, dem es nur darum geht, den Verstand zu überlisten.

Unser Denkstil hat sich im Verlauf der menschlichen Evolution entwickelt, unser intellektueller Werkzeugkasten ist für die meisten Lebenslagen hervorragend gerüstet, meint Gigerenzer. Jedoch stellt die moderne Welt die Intuition auf die Probe, wie er zugeben muss. Spätestens beim Umgang mit Statistiken und Prozentzahlen hilft das Bauchgefühl nicht mehr so recht weiter. Zeit für „System 2“? Vielleicht liegen die Aufklärer Kahneman und Gigerenzer doch nicht so weit auseinander wie ihre Wohnorte New York und Berlin.

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