Was WISSEN schafft : Dein ist mein ganzes Herz

Den Deutschen fehlt die rechte Einstellung zum Organspenden

Der Coup ist gelungen. Wochenlang foppte ein holländischer TV-Sender die Welt mit der Ankündigung, vor laufender Kamera die Niere einer todgeweihten Spenderin zu verhökern. Am vergangenen Freitag erzielte die Show einen Rekord von 1,2 Millionen Zuschauern. Zehntausende stimmten per SMS ab, welche der drei schwerkranken Kandidatinnen das lebensrettende Organ bekommen soll. Kurz vor Schluss entpuppte sich „De Grote Donor Show“ jedoch als Bluff.

War der Streich geschmacklos, aber nützlich für die Sache oder nur geschmacklos? Die drei Kandidatinnen hoffen jedenfalls weiter auf einen Spender – sie waren in dem Spektakel das einzig Echte. Echt sind auch die rund 12 000 Patienten, die in Deutschland auf Spenderorgane warten. Drei von ihnen sterben jeden Tag – die Deutschen liegen beim Organspenden deutlich unter dem internationalen Durchschnitt. Auf eine Million Einwohner kommen hierzulande jährlich 15 Spender, in Österreich sind es 24, in Spanien sogar 35.

Der Nationale Ethikrat sieht die Hauptursache für die deutsche Spendemüdigkeit im derzeit geltenden „erweiterten Zustimmungsrecht“: Die Organentnahme bei einem Hirntoten ist nur erlaubt, wenn dessen Zustimmung vorliegt oder die Hinterbliebenen einverstanden sind. Deshalb favorisiert der Ethikrat die „Widerspruchslösung“: Jeder ist potenzieller Organspender, sofern von ihm oder seinen Angehörigen kein ausdrücklicher Widerspruch vorliegt. Die Widerspruchlösung hat einiges für sich. Obwohl sich bei Befragungen zwei Drittel der Deutschen zur Organspende bereit erklären, besitzen nur zwölf Prozent einen Spenderausweis. Zum Hirntod führen meist Verkehrsunfälle und andere unerwartete Ereignisse, so dass die Spender nicht mehr gefragt werden können. Die Klinikärzte wollen die Angehörigen nicht unter Druck setzen, zumal diese oft unsicher sind, wie der Versterbende entscheiden würde. Dementsprechend sind die Spenderaten in Staaten mit Widerspruchslösung wesentlich höher als in Ländern mit erweitertem Zustimmungsrecht.

Trotzdem hat die Bundesärztekammer Recht, wenn sie – im Einklang mit Politikern fast aller Parteien – den Vorschlag des Ethikrates zurückweist: Aus der Tatsache, dass kein Widerspruch vorliegt, kann keine implizite Zustimmung abgeleitet werden, das würde eklatant gegen das Selbstbestimmungsrecht verstoßen.

Befürworter der Widerspruchslösung argumentieren dagegen, jeder Mensch könnte eines Tages selbst ein Organ brauchen, es handele sich also um eine Art Lebensversicherung mit posthumer Naturalleistung. Da fast jeder im Bedarfsfall ein Organ als Empfänger in Anspruch nehmen würde, könne man auch vom Einverständnis mit der Spende ausgehen, sofern kein Widerspruch vorliegt.

Doch das Gutmenschen-Argument verkennt die ebenso schlichte wie traurige Wirklichkeit: Als schwerkranker Empfänger wünscht sich der Mensch die Organspende, als gesunder Spender ist sie ihm eher unheimlich. Diese Haltung mag ein wenig nach Versicherungsbetrug riechen. Dennoch muss das Selbstbestimmungsrecht gewahrt werden, auch über den Tod hinaus. Zwei Jahrhunderte nach Kant sind die Deutschen keineswegs so aufgeklärt, dass niemand an ein Leben nach dem Tod glauben würde. Und sie sind keineswegs so gutgläubig, ärztliche Fehler bei der Feststellung des Hirntodes auszuschließen.

Zumutbar ist es jedoch, dass sich jeder Erwachsene mit dem Thema Organspende auseinandersetzt und entscheidet, ob er spenden will oder nicht. Nach obligatorischer Beratung durch einen Arzt könnte der Spenderstatus zum Beispiel in die Gesundheitskarte eingetragen werden, wie es die bayerische Sozialministerin Christa Stewens vorschlägt. Zusätzlich muss die Erfassung potenzieller Spender verbessert werden: Statistiken zeigen, dass viele Hirntote von den Kliniken gar nicht an die Transplantationszentrale gemeldet werden – die Vorbereitung eines Organspenders ist aufwändig und bringt keine nennenswerten Einnahmen.

Es gibt also vernünftige Wege, um mehr Menschen auf den Wartelisten zu retten. Das sollte jedoch ohne scheinheilige Transplantations-Shows möglich sein – dafür sind die Deutschen doch wohl aufgeklärt genug.

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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