Was WISSEN schafft : Der Eisberg zeigt seine Spitzen

Die Schließung eines Gymansiums in Berlin zeigt: Die Schweinegrippe ist auch in Deutschland längst außer Kontrolle

Alexander S. Kekulé

An dem Trollrotz kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Als Harry Potters rothaariger Freund Ron Weasley vergangene Woche die Schweinegrippe bekam, lag der Körperkontakt mit dem unappetitlichen Zauberwesen schon acht Jahre zurück. Harry und Weasley hatten den Troll zur Strecke gebracht, indem sie ihm einen Zauberstab in die rotzende Nase steckten und dann eine Keule auf seinem Schädel niedergehen ließen. Ob Trolle überhaupt vom Influenzavirus infiziert werden können, ist allerdings trotz intensiver Forschung in Hogwarts’ Zauberlaboren nicht geklärt. Davon abgesehen gehört Schnupfen nicht zu den typischen Symptomen der Schweinegrippe.

Dennoch hätte die Seuche die Londoner Premiere des neuesten Harry-Potter-Films am gestrigen Dienstag um ein Haar platzen lassen: Weasley-Darsteller Rupert Grint war nämlich während der Dreharbeiten zur nächsten Folge der Potter-Saga krank geworden. Da es ihm am Sonntag schon besser ging, verzichteten die britischen Behörden jedoch auf die sonst übliche einwöchige Quarantäne – sonst hätten die Hauptdarsteller zu Hause bleiben müssen.

Mit Muggels, also gewöhnlichen Menschen ohne Zauberkräfte, gehen die Gesundheitsbehörden weniger zuvorkommend um. Beim Auftreten von Schweinegrippe in Schulen oder Kindertagesstätten werden diese in der Regel für eine Woche geschlossen. Personen mit engem Kontakt zu den Infizierten sollen zu Hause bleiben bis feststeht, ob sie sich angesteckt haben.

Auch das Berliner Humboldt- Gymnasium wurde für eine Woche geschlossen, nachdem dort das Virus ausgebrochen war. Allerdings haben die Eltern der infizierten Kinder keinen Hausarrest, sondern dürfen weiter zur Arbeit gehen. Die Lehrer können weiter im Schulgebäude arbeiten und hielten am Montag sogar eine Versammlung ab. Für nicht erkrankte Schüler gibt es keine verbindlichen Vorschriften – sie könnten theoretisch in der schulfreien Woche nach Los Angeles fliegen, dort mit 100 000 schniefenden Fans Abschied von Michael Jackson feiern und munter Grippeviren austauschen.

Erstaunlicherweise würde das für die Verbreitung der Schweinegrippe allerdings keine Rolle spielen: sie ist ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Dass die von den Behörden registrierten Fälle nur die Spitze eines Eisberges sind, zeigt auch der Ausbruch an dem Berliner Gymnasium. Dessen Entdeckung ist in erster Linie einem Zufall zu verdanken. Vergangene Woche war bei einer 17-Jährigen die Schweinegrippe festgestellt worden. Auf der Suche nach der Infektionsquelle geriet eine Schülergruppe aus den USA ins Visier der Gesundheitsbehörde, mit der die Patientin Kontakt gehabt hatte. Nachdem drei der Austauschschüler aus Texas positiv waren, wurde die Untersuchung auf die ganze Schule ausgedehnt. Wie sich inzwischen herausstellte, waren die Austauschschüler jedoch schon seit Wochen in Deutschland und können die Krankheit deshalb nicht eingeschleppt haben. Die Quelle des Ausbruchs liegt bis auf Weiteres im Dunkeln.

Seit sich das Virus auch im Inland („autochthon“) verbreitet, ist die Schweinegrippe kaum noch kontrollierbar. Aus statistischen Gründen ergeben radikale Maßnahmen wie allgemeine Schulschließungen oder Veranstaltungsverbote jedoch derzeit keinen Sinn, weil die Fallzahlen (noch) zu gering sind. Deshalb beschränken sich die Behörden auf punktuelle Schul- und Kindergartenschließungen sowie wenig konsequente Quarantänemaßnahmen – sie wissen, dass sie kleine Löcher in einem Eimer stopfen, der an tausend Stellen undicht ist.

Zum Glück verläuft die Schweinegrippe weiterhin in den meisten Fällen harmlos. Gewöhnliche Muggels müssen allerdings in etwa fünf von tausend Fällen mit lebensbedrohlichen Komplikationen rechnen, weshalb ein Impfstoff durchaus herbeizuwünschen wäre. Mit Zauberkraft sieht das schon besser aus: Ron Weasley alias Rupert Grint bemerkte angeblich nicht mehr als ein Kratzen im Hals. Die Darsteller von Harry Potter und Zauberschülerin Hermine blieben von der Schweinegrippe ganz verschont, obwohl sich Hermine und Ron im letzten Teil sogar küssen – wenn das keine Magie ist …

Der Autor ist Institutsdirektor und Professor für Medizinische Mikrobiologie in Halle. Foto: J. Peyer

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