Meinung : Was Wissen schafft: Der lautlose Tod

Alexander S. Kekulé

Die Anschläge der vergangenen Woche eröffneten eine neue Dimension des internationalen Terrorismus: Aufwand, Brutalität und die Zahl der Opfer überstiegen bei weitem das bisherige Repertoire. Trotzdem ist die Entführung eines Linienflugzeugs ein terroristischer Oldtimer aus den 70ern. Dagegen sind moderne biologische Waffen das ideale Instrument der "asymmetrischen Kriegsführung", mit der Terroristen militärisch weit überlegene Staaten attackieren können: Ein kleines Röhrchen mit gefährlichen Viren oder Bakterien genügt, um Zehntausende umzubringen.

Ein unauffälliger Zerstäuber im Kaufhaus oder eine Ampulle im Trinkwasser reichen aus: Um den Ernstfall zu simulieren, versprühten US-Militärs bereits 1965 mit einer präparierten Aktentasche Pockenvirus-Attrappen auf dem Washingtoner Flughafen und steckten so jeden zwölften Reisenden an - jeder Mensch eine Waffe, die den tödlichen Erreger im Land verbreitet hätte.

Die Herstellung biologischer Waffen ist relativ einfach, da sich Mikroorganismen von selbst vermehren, wenn sie unter entsprechenden Bedingungen bebrütet werden. Die dafür benötigten Geräte stehen auf keiner Exportliste: Erst kürzlich bauten Pentagon-Experten aus frei verkäuflichen Einzelteilen eine komplette Biowaffen-Fabrik. Obwohl biologische Waffen seit 1975 geächtet sind, verfügen nach US-Schätzungen mehr als ein Dutzend Staaten über verbotene Fabriken - darunter auch solche, die als Unterstützer terroristischer Organisationen gelten.

Dass Terroristen bisher keine Biowaffen eingesetzt haben, dürfte am mangelndem Know-how liegen: Die Vermehrung und Anwendung der gefährlichen Erreger erfordert weit mehr Ausbildung als ein Flugschein. Außerdem sind nur eine Hand voll Krankheitserreger als Biowaffen tauglich. Von diesen werden lebende, vermehrungsfähige Keime als Ausgangsmaterial benötigt - und die sind schwer zu bekommen. Ob das so bleibt, hängt wesentlich von der entwickelten Welt ab: Relativ harmlose Viren und Bakterien gentechnisch scharf zu machen, ist für Terroristen ein Ding des Unmöglichen. Dagegen gaben die USA erst vor einigen Wochen zu, seit Jahren an der gentechnischen Herstellung von Bio-Kampfstoffen zu arbeiten - zu Verteidigungszwecken. Solange diese gentechnischen Biowaffen der zweiten Generation nicht in die Hände von Terroristen fallen, ist das Arsenal für mögliche Anschläge überschaubar: Milzbrandsporen und Botulismus-Toxin aus irakischer Produktion, Pockenvirus und Lungenpest-Erreger aus alten sowjetischen Beständen. Diese natürlichen Krankheitserreger lassen sich relativ einfach bekämpfen - allerdings nur, wenn die Gesundheitssysteme darauf vorbereitet sind. Das ist jedoch bisher weder in Europa noch in den USA der Fall.

In den USA wurde immerhin die Produktion von Pockenimpfstoff wieder aufgenommen. Trotzdem bemängelte die US-Gesundheitsbehörde CDC erst im Januar, dass kaum Antibiotika, Impfstoffe und Fachpersonal für den Fall bioterroristischer Angriffe zur Verfügung stünden. Spätestens seit den Anschlägen der vergangenen Woche besteht hier dringender Nachholbedarf: Die neue Dimension des Terrors erfordert eine konsequente Gegenwehr, auch auf medizinischer Ebene.

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